Mit Freund im Wald der Geschichten
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Beitrag: Mehrwertschweinchen von Murx Pickwick

Ich muß ehrlich sagen, Meerschweinchen fand ich immer langweilig. Sie saßen fast bewegungslos in irgendwelchen Käfigen rum und hatte man die Käfige geöffnet, versteckten sie sich im Haus oder liefen immer an der Wand lang. Sonderlich viel interessantes Verhalten war da einfach nicht zu beobachten. Irgendwann fing ich mit der Kaninchenhaltung an - reine Buchtenhaltung. Auch wenn die Buchten das Doppelte bis Dreifache einer normalen Bucht war, es waren Buchten. Sie waren zu klein und boten nicht mal genügend Platz für ein noch so kleines Häuschen. In diesen Buchten ließen sich die Kaninchen nur einzeln halten, sonst prügelten sie sich tot.

Das scheint wohl etliche Meerschweinchenbesitzer dazu animiert zu haben, ihre Meerschweinchen in diesen Buchten zu entsorgen, vermutlich weil sie dachten, was Gutes zu tun, wenn sie ihr einsames Meerschweinchen mit meinen einsamen Kaninchen vergesellschaften.

Ich meinerseits hab die Meerschweinchen zu gleichgeschlechtlichen Pärchen zusammengepackt und dann so vermittelt.

Immerhin hab ich auf die Art und Weise herausgefunden, dass Meerschweinchen Grasfresser sind. Sie hatten sich nämlich das selbstgesammelte Frischkostmenü einträchtig mit den Kaninchen geteilt, die Kaninchen die Kräuter und die Meerschweinchen das Gras. Das Gemüse wurde gerecht aufgeteilt. Ansonsten - keine besonderen Vorkommnisse, Meerschweinchen sind laaaaaangweilig!

Immerhin bekamen die neuen Meerschweinchenbesitzer gleich noch ne vernünftige Anleitung zur Fütterung mit auf den Weg: Gras und Gemüse bitte, Heu brauchen die Meerschweinchen zum Kuscheln. Tja ... irgendwann zogen wir um - in ein Haus mit viel Garten dran. Das war ideal für den Anbau von Futtergemüse für Kaninchen. Allerdings sollte alles ganz anders kommen, denn die Kaninchen brachten mir recht schnell bei, daß sie nicht weiter in Buchten zubringen wollten! Weide ist besser für Kaninchen und das Futtergemüse wurde noch weit vor seiner Zeit von ausgebüxten Kaninchen ratzekahl vernichtet. In dieser Zeit kam dann auch noch Grand Dame zu mir - und die brachte mir bei: Meerschweinchen sind alles andere wie langweilig!

Aber ich glaub, ich sollte von vorn anfangen ...

                                                                                                                               ******

An Grand Dame Family und Blacky kam ich nur durch Zufall. Es war tiefster Winter. Der Räumdienst brauchte mal wieder wie üblich bis ca. 16:00 Nachmittags, weil ja der Winter wie jedes Jahr überaus plötzlich über das Land herfiel und wirklich nichts darauf hindeutete, dass es im Dezember oder Januar mal Schnee oder sowas geben könnte. Meine Kaninchen erfreuten sich immerhin schon an ca. 2 qm Weidefläche und quittierten diesen eingeschränkten Lebensraum zunehmend mit Ausbrüchen und Erkundungen der Umgebung - immerhin hatte ich auf die Art und Weise keine Schwierigkeiten mehr, Kaninchen in Gruppen zu halten, der Platz unseres Grundstückes nebst sämtlicher Nachbargrundstücke reichte durchaus aus für die Gruppenhaltung. Während ich nun auf den Räumdienst wartete, hielt ein Bus und tat dasselbe, was sollte der Busfahrer auch anderes machen, wie auf den Räumdienst warten?

Der Busfahrer und ich kamen ins Gespräch über Gott und die Welt und die liebe Familie - und damit auch über die wechselnden Hobbies kleiner Familienmitglieder. Und wie es immer so ist, kam dann auch die Anfrage, wie es denn wäre, wenn das eine schon längst uninteressant gewordene Hobby zu mir übersiedeln könnte. Klar, kann es, hab ja den Platz, hab ja nen Garten.

Kaum waren die Straßenverhältnisse wieder befahrbar, kam dann auch das Hobby in Form von drei Käfigen, drei Meerschweinchen und einem Kaninchen. Ich hatte Grand Dame am Hals!

Der Busfahrer meinte zu Grand Dame, sie sei schwanger und würde sich deshalb nicht mit ihrem Sohn und ihrem Gatten vertragen. Deshalb seien die Herren der Schöpfung in einem Extrakäfig. Da Grand Dame eh schon jahrelang sehr produktiv war und ja eigentlich das Interesse nicht mehr bei den Meerschweinchen lag, lag schon beim Vorbesitzer die Idee nahe, den Gründervater der Grand Dame Dynastie samt Sohn in einen Käfig zu stopfen und Grand Dame im andern Käfig zu belassen. Es würden ja eh demnächst wieder vier Meerschweinchen in diesem Käfig sein (Grand Dame hat wohl grundsätzlich und immer genau drei Junge bekommen, nicht eines mehr, nicht eines weniger. Drei heißt die magische Zahl!)

Eine Warnung bekam ich mit auf den Weg: Bringe nie, niemals nicht dieses Kaninchen mit den Meerschweinchen zusammen! Die prügeln sich, bis Blut fließt.

Meine Kaninchen hatten sich nie mit Meerschweinchen geprügelt, wenn sie in ihren engen Buchten Meerschweinchen untergeschoben bekamen. Aber gut, nahm ich jetzt einfach mal so hin.

Über das tatsächliche Alter war zwar viel rauszubekommen, aber nix genaues ... also probier ich einfach mal ne Rekonstruktion, soweit möglich ... die ursprünglichen Namen der Meerschweinchen hatten wohl mit dem wechselnden Interesse der kleinen Familienmitglieder eh gewechselt und waren auch nicht wichtig - Meerschweinchen hören nicht auf ihren Namen und sind laaaaaangweilig!

                                                                                                                      Die Vorgeschichte

Rührmichnichtan: Er ist der männliche Begründer der Grand Dame Family. Er war auch das erste Meerschweinchen, was als Hobby geholt wurde - ursprünglich wohl mit seinem Bruder. So sagten die Leute im Zoofachgeschäft wenigstens. Sein Bruder starb relativ schnell, im Zoofachgeschäft wurde ihnen daraufhin erzählt, ein weiteres männliches Meerschweinchen geht ja nu mal gar nicht, weil die sich nicht vertragen würden, nur Brüder würden sich vertragen und ne Dame - jo, das gäbe ja nu mal Junge und wenn sie dieses nicht wollen ... tja ... wie wäre es mit einem Kaninchen als Partner?

Kaninchen und Meerschweinchen vertragen sich prima! Kloar, Kaninchen sind auch interessant und da saß ja Blacky noch im Geschäft ...

Blacky: Also kam Blacky als Gesellschaft dazu, ein rabenschwarzes Kaninchen (mit rabenschwarzer Seele). Im Gegensatz zu dem, was ihnen im Zoofachgeschäft über das traute Zusammensein von Meerschweinchen und Kaninchen erzählt wurde, machte Blacky kurzerhand kurzen Prozess mit dem armen Rührmichnichtan, die arme Tochter konnte gar nicht so schnell das Kaninchen wieder aus dem Käfig entfernen, wie das Kaninchen den armen Rührmichnichtan zerlegte. Eine böse Situation: Ein Meerschweinchen, ein Kaninchen und nur ein Käfig. Ach ja - und natürlich der Transportkäfig, mit dem das Kaninchen nach Hause transportiert wurde, oder genauer gesagt, ein schnöder Pappkarton, der sowohl von Meerschweinchen, als auch Kaninchen in Nullkommanix durchgefressen war.

Grand Dame: Klarer Fall, Papa packte Tochter und Kaninchen ein, es ging zurück zum Laden - nur mußten sie sich dort anhören, gekauft ist gekauft ist gekauft ist gekauft, man hätte sich ja vorher schließlich auch informieren können. Also, Zoofachhandel gewechselt, weil eine Lösung muss nun mal her (und dieser Laden wurde in Zukunft gemieden wie die Pest). Ein neuer Käfig wurde gekauft, samt guter Ratschläge, mehreren Büchern und - ja! Einem neuen Meerschweinchen: Grand Dame!

Nun, Busfahrer sind ja nicht ganz doof, die wissen, wo die Kinder wirklich herkommen. Also wurde erstmal vorsichtig abgecheckt, inwieweit das denn überhaupt mit dem Kerl zuhause gut gehen würde. Schließlich ist anzunehmen, dass auch Meerschweinchenmänner nicht freiwillig im Zölibat leben, wenn ihnen ne schnieke Dame vor die Schnauze gesetzt wird. Aber - das Zoogeschäft hatte versichert: "kein Problem, bringense die Jungen einfach her, sie bekommen sogar noch ein paar Märker dafür ... "
Jo, also wenn das dann so ist ... (Dieweil hatte wohl das Kanin den Pappkarton aus dem ersten Zoofachgeschäft durchgenagt und Tochterlein hielt das Tier die übrige Fahrt auf dem Schoß fest.) So zog Grand Dame im Kinderzimmer ein.

Grand Dame, die große Dame von Welt und Hau ab:

Diese Zusammenstellung war eigentlich ganz glücklich gewesen. Familie war auch ganz glücklich. Die Meerschweinchen den Umständen entsprechend auch. Schließlich hatten sie viel Spaß und Grand Dame regelmäßig nen Dreierwurf, der dann entsprechend an die umliegenden Tiergeschäfte gegen Bares umgetauscht wurde. Das war prima Taschengeld für die kleinen Familienmitglieder. Das Ganze muß wohl mindestens drei Jahre lang so gelaufen sein, womit dann auch das Alter der Tiere ziemlich eingegrenzt wäre: Rührmichnichtan mindestens 5 Jahre, Grand Dame ca. 4 Jahre, Blacky ca. 5 Jahre, der Sohn Hau ab - höchstens drei. Weshalb dann ausgerechnet Hau ab bleiben durfte, ist nicht überliefert, aber er durfte halt bleiben. Erst im Käfig gemeinsam mit Vater und Mutter. Später gabs dann einen weiteren Käfig, in welchem die beiden Herren regelmäßig ausquartiert wurden, wenn Grand Dame ihre legendären Würfe hinlegte. Grand Dame akzeptierte nämlich mit zunehmenden Alter keine Männlichkeit mehr auf so wenig Platz, wenn es darum ging, ihre Brut hochzuziehen. Gerade das Alter von Hau ab ist leider gar nicht mehr zu rekonstruieren. Er kann nicht älter wie drei Jahre gewesen sein, als er zu mir kam. Aber er war ausgewachsen und war "schon lange" dabei. Rührmichnichtan konnte man nicht anfassen - bzw, doch, man konnte sehr wohl. Allerdings musste man dann mit leben, dass Rührmichnichtan das halbe Dorf zusammenschrie. Im Gegensatz zu Rührmichnichtan schrie Hau ab nicht, wenn man ihn anfassen wollte, sondern gab ordentlich Fersengeld ... Bei mir gings den Meerschweinchen erstmal nicht viel besser wie bei den Vorbesitzern. Blacky wurde mit den anderen Kaninchen vergesellschaftet und fristete nun ihr Leben auf wenigen Quadratmetern mit den anderen Kaninchen. 

Wie es immer so ist, nix läuft wie geplant. Die langweiligen Meerschweinchen entpuppten sich nämlich als das Gegenteil von langweilig - tja, wer eine Dame von Welt zu sich nimmt ...

Das Ganze fing damit an, daß ich zum einfacheren Reinigen einfach das Oberteil vom Käfig abnahm und alles herausschaufelte - außer die Meerschweinchen natürlich, die sich in ihre Hütten zurückzogen. Daraufhin stellte ich die Hütten um (was die Meerschweinchen dazu veranlaßte, der Hütte zu folgen) und säuberte den ehemaligen Hüttenplatz. In diesen engen Käfigen und mit der vielen Frischkost aus dem Garten war das so ca etwa jeden Tag ein bis zweimal nötig, sonst stank das ganze Zimmer und die Schweine lernten das Schwimmen. Schon alleine deshalb sollte man wohl besser Meerschweine NICHT in kleinen Kaufkäfigen von nur 1,60m Länge halten. Das Reinigungsprozedere ging den ersten Tag eigentlich ganz gut. Nur am zweiten Tag fehlte in Grand Dames Käfig das Meerschwein unterm Häuschen! Gut, wir kennen das ja, Meerschweinchen haben keine ausgeprägte Intelligenz, wenn sie aus dem Käfig rauskommen, dann findet man sie immer an der Wand lang. Dachte ich zumindest. War wohl falsch gedacht - das Zimmer hatte genau vier Wände - und an wirklich allen vier Wänden war nicht ein einziges Meerschweinchen zu sehen!

Grand Dame war weg! Einfach so! Einfach unglaublich!

Also hatte ich erstmal in aller Ruhe Grand Dames Käfig fertig gemacht, ein wenig Frischkost in den Käfig geschmissen (viel paßte da ja nicht rein) und den Trinknapf aufs Häuschen befördert. Danach fing die gründliche und systematische Suche nach Kleinnager an ... gibt da ein über in der Zeit jahrzehnte trainiertes Programm bei mir, wie man am Schnellsten Nager in Zimmern findet ... Problem an der Sache war nur, Grand Dame war mit diesem systematischen Suchprogramm in diesem äußerst spartanisch eingerichteten Zimmer nicht zu finden! Dafür saß sie dann irgendwann gaaaanz unschuldig guckend im Käfig und lachte mich aus! (Ehrlich, die hat wirklich gelacht!) Und ich war die Geneeste.

Gut, Meersau war ja wieder da, wo sie hingehörte, Deckel drauf, Männers reinigen. Wenigstens die verhielten sich vorschriftsmäßig langweilig. Nach diesem Erlebnis hatte ich bei Grand Dame stets das Gitter auf dem Käfig gelassen zum Reinigen, allerdings blieb der Deckel vom Gitter auf. Klar, ich wollte ja irgendwie den Dreck aus dem Käfig manövrieren und das geht nunmal nur, wenn irgendwo eine Öffnung da ist, durch die der Dreck gehoben werden kann. Und außerdem war es ja auch nicht nötig, den Deckel ständig geschlossen zu halten, schließlich klettern Meerschweinchen im Gegensatz zu Ratten oder Mäusen nicht aus dem Käfig raus. Aber auch da belehrte mich Grand Dame eines Besseren, denn eines Tages war das zweite Mal keine Sau mehr im Käfig zu finden! Also panisch Zimmer abgesucht - und im Gegensatz zur vorherigen systematischen Suche dabei gleich noch das Zimmer abgesteckt und mit Umzugskisten in gleichmäßige Quadrate aufgeteilt - kein Meerschwein zu finden, wie das erste Mal! Ich war am Verzweifeln. Ich werd ausgebootet von ner langweiligen Meersau, wo ich doch sonst es selbst mit äußerst intelligenten Ratten aufgenommen hatte und sogar Stachelmäuse aus jeder Lebenslage hab einfangen können! Und ich sollte zu blöde sein, nen dummes Meerschwein in einem wirklich sehr übersichtlichen Zimmer zu finden?

Mit halbem Auge sah ich dann die liebe Grand Dame, wie sie quietschvergnügt (und mir ne Nase zeigend! Ich schwörs!) zur angelehnten Zimmertür hineinspaziert kam! Kein Wunder, wenn ich sie nicht fand, sie ist einfach nur unbemerkt zur Tür raus auf den Dachboden! Gibt nicht viele Tiere, die das können - also unbeobachtet an mir vorbeischleichen. Dementsprechend wuchs die Achtung vor Meerschweinchen im Allgemeinen und Grand Dame im Besonderen langsam und sicher ins Unermeßliche ... meine einstige Meinung über langweilige Meerschweinchen wandelte sich und ich fing an, mir einen Spaß draus zu machen, Grand Dame entkommen zu lassen und zu schauen, wie raffiniert sie versuchte, an mir vorbeizuschleichen, um zur Tür zu kommen (bösartigster Weise blieb die Tür fortan beim Schweinchenreinigen grundsätzlich geschlossen und nicht nur angelehnt, gelernt ist gelernt!)

Grand Dame wurde dicker und dicker und damit auch deutlich behäbiger. In der Zwischenzeit bekamen sich die Herren der Schöpfung in die Wolle, und das heftigst! Die einstige Männerfreundschaft funktionierte in der Vergangenheit vermutlich nur mit der vollen Dröhnung des Kuntibunti, des bunten Meerschweinchenfutters mit grünen Kringelchen und roten Herzchen drin aus dem Tiergeschäft, nicht jedoch mit Gras und Gemüse aus dem Garten. Guter Rat war teuer, ich mußte zwangsweise trennen - gut, daß ja inzwischen Blackys Käfig leerstand. Ich mußte zugeben, auch Meerschweinchenböcke waren nicht wirklich langweilig, sondern äußerst nervenaufreibend! Getrennt waren die beiden Herren allerdings auch nicht sonderlich glücklich. Sie riefen einander, liefen nur noch am Gitter, was dem Andern am Nächsten war, hin und her und vermissten sich. Wurden sie zusammen gesperrt, gabs Männerkeile. Das war kein Zustand, da musste ne Lösung her.

Ich versuchte, die beiden Käfige einfach aneinanderzustellen und die Türen miteinander zu verbinden ... klappte ja auch halbwegs, bis auf dass Rührmichnichtan sich derartig im Gitter verhakelte, daß er ohne meine Hilfe wohl bis zum St. Nimmerleinstag im Gitter festgehangen hätte und sich die Herren immer noch nicht wirklich aus dem Wege gehen konnten. Also auch das war kein Zustand! Die Lösung war ein kleiner, provisorischer Auslauf, in dem ich inzwischen Kaninchen hatte (immerhin hatten die Kaninchen inzwischen fast 4 qm!). Es war Sommer und es war warm genug, die Kerle flogen raus.

Für die beiden Herren muß das wie ein riesiger Dschungel gewirkt haben, mitten in diesem kleinen Abteil wuchs ein Hollerbusch, Gräser, die von den Kaninchen als nicht sonderlich schmackhaft eingestuft wurden und Brennesseln wucherten ... man braucht sich das nur mal aus der Meerschweinperspektive vorzustellen, wie riesig das ist und wie unheimlich groß die neuen Mitbewohner aussahen, immerhin handelte es sich um ausgewachsene Schlachtkaninchen von ca. 4 kg Gewicht! Es dauerte nicht lange, bis die Herren merkten, daß von diesen Kaninchen keine Gefahr ausging. Tier ging sich gekonnt aus dem Weg, und die im Käfig sich ständig streitenden Herren der Schöpfung blieben nun immer in Tuchfühlung und fingen an, die gesamte Fläche systematisch zu erkunden. Die Kaninchen wurden schwer beobachte.

Rührmichnichtan blühte richtiggehend auf. Man sah ihm im Vergleich zur Käfighaltung richtig an, mit welcher Begeisterung er diverse Gräser durchprobierte. Das Fell fing an zu glänzen, vorher im Käfig (bei gleicher Fütterung übrigens!) blieb es stumpf und fettig. Rührmichnichtan, der sich im Käfig gekonnt um sämtliche Gitterstäbe knotete und in seiner Ungeschicklichkeit nicht mehr wegkam, wurde nun äußerst geschickt, konnte aus Kisten herausspringen, steile Rampen erklimmen und über Äste springen. Mit leisen Tuc-Tuc-Lauten gaben die beiden Meerschweinkerle stets an, wo sie sich befanden, mit etwas lauteren Tuc-Tuc-Lauten gaben sie Bescheid, wenn ich kam, mit kurzen Pfeifen gemahnten sie sich zur Vorsicht, wenn Besuch kam ... tja, und dann, eines Tages, ging das große Torkeln los - etwas, was ich noch nie vorher an Meerschweinchen gesehen hatte! Steifbeinig, so als hätten die Herren das Laufen verlernt, und zudem noch im gleichmäßigen Wiege-Schritt umkreisten sich die Beiden mit starkem und überaus lautem Geknatter! Ich beobachtete das erste Mal Imponierverhalten von Meerschweinchenherren. Das Beobachten der Beiden wurde überaus spannend! Meerschweinchen hatten also richtig was auf den Kasten, wenn sie Platz hatten! Ich war fasziniert. Es ist Wahnsinn, was mir in den Jahren zuvor alles entgangen war und ich hab es nicht mal gemerkt, dass es an meiner Haltung lag!

Grand Dame war offenbar auch nicht schwanger, der Busfahrer hatte sich wohl geirrt, schließlich war es nun schon fast zwei Monate her und es wurden keine Jungen geboren. Dafür wurde sie bei der reichhaltigen Wiesenkost immer dicker und dicker und bekam so langsam und sicher eine bedenklich birnenförmige Gestalt. Zwar würde das schon dafür sprechen, dass sie schwanger war - aber eine Tragzeit von über acht Wochen bei einem Nager? - Never! Außerdem hatte sie keine Anstalten gemacht, ein Nest zu bauen. Wie auch immer, das mit dem täglichen ein bis zweimal Saubermachen ging mir ja sowas von auf den Senkel - aber sowas von! Also flog auch Grand Dame raus - aber achtkantig!

Sie bekam ein wundervolles 1qm Stück Wiesenfläche für sich ganz allein. Und die Umzäunung wurde auch regelmäßig weitergesetzt, damit sie immer schön was zu futtern hatte. Kein Saubermachen mehr, weniger Pflücken - ja, so schön einfach kann Tierhaltung sein! Eines Tages nach dem Umsetzen lief Grand Dame ganz aufgeregt an einer Seite des Zaunes lang. Ich konnte mir keinen Reim drauf machen, Grand Dame muss wohl verrückt geworden sein, ganz einfach. Die ließ sich nämlich gar nicht mehr von ihrem stereotypen Hin- und Herlaufen abhalten - und nach was sollte sie da auch schauen?

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