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GOTT LACHT NICHT
Leseprobe aus Kapitel 6
» Eine gar unheimliche Macht «
August 2004, 2. Tag
Fast lautlos gleitet der ICE trotz hoher Geschwindigkeit über die Gleise in Richtung Berlin-Hauptbahnhof. Ich sitze am Gang in einem Großraumwagen. Ich mag die Sitzplätze im Abteil nicht, irgendwie starrt mich immer jemand an und man fühlt sich stets unangenehm beobachtet. Im Großraumwagen ist das anders, die Sitze in Zweierform rechts und links liegen immer hintereinander und nur an den Sitzen mit Tisch hockt man zu viert gegenüber. Aber diese Sitze reserviere und nutze ich auch nie aufgrund der verminderten Beinfreiheit. Mein Sitznachbar, oder besser gesagt, meine Nachbarin ist noch relativ jung. Weder hört sie mich, noch nimmt sie mich überhaupt wahr. In ihren Ohren stecken Stöpsel und zwei kaum erkennbare, sehr dünne Kabel treten dort aus, um dann unter ihrer leichten Jacke zu verschwinden.
Die Gedanken werden von der Durchsage für die Reisenden aus dem Wagenlautsprecher gestört. Ich höre, in Kürze wird der ICE den Berliner Hauptbahnhof erreichen. Dieser Hinweis ist Grund genug, mich jetzt mit dem Sinn meines Besuchs in Berlin zu beschäftigen. Ursprünglich hatte ich in diesem Frühjahr mit Dr. Eddi Rehmer einen Termin in Wiesbaden vereinbart. Ich kenne ihn jetzt rund sechs Jahre, seit jener Zeit, die für mich grundlegend mein ganzes Leben auf ein völlig neues Gleis geschoben hat. Damals bei einem der Treffen im BKA nach dem missglückten SEK-Zugriff wegen der Fahndung nach Ralf Martsch, dem Lobbyisten im Deutschen Bundestag. Da kam wohl die Order von hoher bundespolitischer Stelle, neben Dr. Eddi Rehmer und mir noch andere Personen aus Wiesbaden zum Berliner Ausschusstreffen einzuladen. Der Grund, warum dieses Treffen so plötzlich unter staatlichem Polizeischutz in Berlin stattfinden soll, ist mir nicht bekannt. Eddi nahm keinen Bezug auf meine diesbezügliche Rückfrage. Dabei hatte ich den Eindruck, dass er den Grund durchaus kannte. Auf der anderen Seite sind sicherlich einige Stellen des Berliner LKA mit dem Fall Ralf Martsch besser vertraut, zumal die Beteiligung amerikanischer Stellen angesagt wurde. Wie auch immer, ich bin zwar gespannt auf den Ablauf dieses morgigen Treffens, agiere aber ziemlich nervös. Ich habe oft ein unerklärliches, ungutes Gefühl am Körper, häufig wieder mit Kopfschmerzen verbunden. Eigentlich nichts Schlimmes, aber es hat wohl mit meiner Entscheidung zu tun, jetzt gegen Olaf zu arbeiten, ja, sogar gegen ihn zu kämpfen. Meine Zusage, sowohl mit dem Bundesverfassungsschutz, dem Bundeskriminalamt und letztendlich auch dem Bundesnachrichtendienst zusammenzuarbeiten, hatte ich versprochen. Das heißt aber, ich bin nun ein sehr gefährlicher Gegner für seine Sippe der Metusy geworden. Aus unserer damaligen, tiefen Freundschaft in Jugendzeiten ist eine hasserfüllte Feindschaft geworden. Beim letzten heimlichen Treffen im Januar dieses Jahres hatte er seine außergewöhnliche Kommunikationsmethode bei mir vorschnell angewendet und dabei irgendwo, irgendetwas an meinen Hirnfunktionen aktiviert. Scheinbar zu viel und ungewollt, es stand bei ihm nicht auf der Rechnung. Seit jenem Vorkommnis hatte ich genug Zeit umfangreich und ergiebig diese neuen Fähigkeiten meiner unglaublichen Hirnfähigkeiten bei Spezialisten zu erforschen. Untersuchungsmethoden wissenschaftlicher Art konnten zwar Wiesbadener Mitarbeiter im neurologischen Institut unter Auftrag von dem BND und durch die Vermittlung von Eddi vornehmen, aber es gab keine Resultate. Sie bestätigten zwar meine geistigen Fähigkeiten, konnten sie aber nicht bioneurologisch erklären. Sie diagnostizierten sogar davon ausgehende Gefahren wegen Kreislaufzusammenbrüche und dokumentierten eine akute Lebensgefahr bei mir.
Ich rede mir bis heute ein, dass ich keine Befürchtungen vor Olaf haben muss. Auch früher hat er mir immer gesagt, eine Drohung wäre viel stärker als die Tat, deshalb betrachte ich das als ein Geschenk von Olaf, was aber eine Milchmädchenrechnung ist. Interessantes habe ich aber weiterhin an mir entdeckt. Mir gelingen Vergangenheitsbewältigungen im Traum. Ja, unfassbar, aber Realität! Einem jeden Vertreter derartiger Hypothesen hätte ich vor zehn Jahren Verrücktheit nachgesagt. Doch inzwischen habe ich von denselben Bioneurologen erfahren, dass es nachweisbar Menschen mit dieser Fähigkeit gäbe. Wenn eine Lebensphase abläuft, nimmt der Mensch zwar alles bewusst wahr, relativ wenig nimmt er aber in seine Kurz- oder Langzeiterinnerungen auf. Will er sich an etwas bewusst erinnern, bekommt er normalerweise Schwierigkeiten. Das war auch bei mir so, jetzt aber nicht mehr.
Ich rufe nun solche Szenen unter exakter Festmachung eines besonderen Ereignisses später auf und lasse das Erlebte wieder im Geist ablaufen. So wie man ein Sportereignis per Wiederholung in einer Zeitlupeneinstellung per Video hinterher abruft. Das geht bei mir. Das reale Erlebte wiederhole ich in traumatischen Gedanken. Das geschieht dann genauso plastisch, genauso tief und glasklar wie bei meinem bewussten Erleben zuvor, aber eben auch genauso herzzerreißend bei tragischen Vorfällen. Die ersten Wochen waren schlimm für mich, da ich ganz im Gegensatz zum bewussten Nachdenken meinen Erlebenstraum nicht abbrechen konnte. Eine furchtbare Eigenschaft, aber mittlerweile beherrsche ich zu jeder Zeit einen Abbruch. Das Pendant, den Traum dort fortzuführen, wo ich mich so einfach habe aufwachen lassen, funktioniert leider noch nicht. Ich kann einen Vorfall aus der Vergangenheit nur am Beginn starten, nicht mittendrin.
Mein Blick fällt aus dem Fenster auf die noch immer schnell vorbeihuschende Landschaft. Die Fahrgeschwindigkeit des Zuges ist merklich langsamer geworden, ein Zeichen dafür, dass das Ziel Hauptbahnhof bald erreicht wird. Ich schaue auf meine inzwischen auch erwachte Sitznachbarin. Sie sucht etwas in der Handtasche. Neben dem ICE gegenüber fährt fast mit selber Geschwindigkeit eine S-Bahn, stoppt aber dann am Bahnhof Charlottenburg, in dem unser Zug nicht hält. Ich bemerke, dass es draußen schon langsam dämmert und schaue deshalb auf die Armbanduhr. Es ist kurz nach 21 Uhr, also eine sehr pünktliche Ankunft des Zuges in Berlin. Ich bleibe im Gegensatz zu vielen anderen Mitreisenden sitzen, denn der Hauptbahnhof Berlin ist auch der Endbahnhof. Für mich macht jedes hastige Aus- oder Umsteigen keinen Sinn. Meiner Nachbarin wegen muss ich trotzdem aufstehen, da sie in ihre Jacke schlüpft und zur Ablage zu ihrem Koffer hochlangt. Ich helfe ihr dabei. Sie bleibt im Gang stehen, danach lasse ich mich wieder in das Sitzpolster fallen. Gelangweilt und ohne ein zielorientiertes Vorhaben beobachte ich das zum Teil hektische Treiben meiner Mitfahrgäste aus den letzten vier Stunden. Wenige Minuten später gleiten die Wagen des Zuges ganz leise in den großen Bahnhof hinein, so, als würde der Zug über den Gleisen schweben. Einige Minuten später spüre ich unter meinen Sohlen den Betonfußboden des Bahnsteigs. Hier warte ich nun ruhig die nächsten Minuten bewegungslos ab, da mir das Gedrängel auf den Rolltreppen der Terrassenebenen viel zu belebt ist. Warum haben es die meisten Leute so eilig und hasten genervt durch die Gegend? Das ist nicht angeboren, sondern vielmehr Resultat unseres hektischen Daseins einer erfolgsorientierten Gesellschaft optimalen Gewinnstrebens. In gewissen Dingen hat der Olaf recht mit seiner Menschheitsrüge in Sachen Solidarität, Egoismus und Sozialismus, resümiere ich. Meine Gedanken werden plötzlich von einem aufkommenden Gefühl, einem völlig undefinierbaren und scheinbar grundlosen Unbehagen unterbrochen. Das Gefühl ist mir inzwischen gut bekannt. Es gehört mit großer Sicherheit zu jenen Eigenschaften, die Olaf als Erbe meinem Hirn beim letzten Treffen ungewollt zugewiesen hat. Wer weiß, welche Codeschlüssel in meinem Dickschädel geöffnet und welche Hirnfunktionen damals von ihm aktiviert wurden. Jedenfalls fühle ich plötzlich Unbehaglichkeit.
So trete ich unbewusst ein paar Schritte zurück und lehne mich in der Mitte des Bahnsteigs an ein großes Gestell einer Werbetafel. Der Werbetext fordert mich sinnigerweise zu einem ruhigen Genuss eines Magenbitters auf und garantiert mir ein sofortiges Wohlbefinden. Eigentlich müsste ich darüber grinsen, aber mich umschleicht ein dumpfes Gefühl im Bauchbereich. Die Erinnerung kommt mir in den Sinn, als mich dieses undefinierbare Unwohlsein erstmals beschlich. Natürlich, ich war zu einem Abendessen in einem Restaurant mit ehemaligen Arbeitskollegen eingeladen. Einer von denen wohnt in Thüringen, ich hatte ihn lange nicht mehr gesehen und war dieser Einladung gerne gefolgt. Als wir uns dann alle gegen Mitternacht auf dem Parkplatz des Restaurants umarmend verabschiedeten, bemerkte ich, wie mich dieses ungute Gefühl lähmte. Ich schenkte diesem Vorgang keine besondere Aufmerksamkeit. Auf der Fahrt nach Hause im Auto verstärkte sich dieses Unwohlsein aber stetig. Auf der nicht gerade breiten und nur durch die Scheinwerfer meines Autos ausgeleuchteten Landesstraße sah ich sie viel zu spät und fuhr mit knapp achtzig Stundenkilometer an ihr vorbei. Sie stand direkt neben einigen Sträuchern knapp zwei Meter vom Straßenrand entfernt. Und sie bestand mindestens aus zehn bis zwölf Tieren. Eine Rotte von Wildschweinen. Einige der Tiere wogen bestimmt fast hundert Kilo. Diese Tiere hätten natürlich auch die Straße überqueren und für mein Auto in der Nacht zum unausweichlichen Hindernis werden können. Diese Folgen kann ich eindeutig nachvollziehen, meine Phantasie kennt da keine Grenzen bei der Ausmalung eines Bildes über solche mögliche Geschehen. Unlängst fuhr rückwärts ein Auto aus einer Parklücke und lädierte den rechten Kotflügel meines Wagens. Außer Ärger eigentlich nichts Besonderes. Aber auch damals hatte ich auf dem Parkgelände eines Discounters wie heute hier auf dem Bahnhof dasselbe Ritual: Ein ganz seltsames Unwohlsein, dem immer etwas Gefährliches folgt. Es beginnt bei mir stets mit einem unangenehmen Ziehen in den Muskeln an Rücken und Brust. Kurz darauf bildet sich eine Gänsehaut an Hals und Armen, danach stechen Kopfschmerzen mit schwerem Druck auf meine Schläfen. Das ist jetzt auch so und beunruhigt mich.
Die Zeit erscheint mir vom Bahnsteig bis zum Erreichen des Taxistands vor dem Hauptbahnhof eine Ewigkeit zu dauern. Dann sitze ich endlich im Taxi. Ächzend quittiert das Lederpolster auf dem Rücksitz meine neunzig Kilo Masse. Nur kurz teile ich dem Fahrer den Namen meines Hotels mit, worauf der etwas in seinen Vollbart murmelt. Ich verstehe ihn zwar nicht, erkenne aber am Dialekt seine Berliner Herkunft. Dann geht alles sehr, sehr schnell. Kaum zehn Minuten später überqueren wir die Kreuzung an der Potsdamer- Ecke Bülowstraße, direkt unter der U-Bahn, die uns hier als Hochbahn überquert. Weil ich aufgrund meines Befindens vor mich hindöse, bekomme ich alles viel zu spät mit. Erst, als der Taxifahrer laut »Oh Scheiße! Wat macht die Piepe denn da?« brüllt, bin ich hellwach. Es folgt ein Desaster schlimmsten Ausmaßes.
Ich schrecke hoch, schaue zur Seite und sehe von links aus der Straße trotz roter Ampel einen Ford-Transit auf uns zurasen. Ich habe keine Zeit zu einem Schrei und reiße nur meinen Mund weit auf. Dann kracht uns der Kastenwagen voll in die linke Seite und dreht unseren Wagen wie einen Kreisel einmal um die eigene Achse. Ich spüre kurz einen heftigen Schmerz im linken Oberarm, weil ich den Aufprall meines ganzen Körpers linksseitig an der hinteren Autotür abfange. Gleichzeitig knallt mein Kopf seitlich an die Fensterscheibe, sie zersplittert nicht, aber die Tür springt auf. Dabei platzt meine Augenbraue auf und färbt mich im Gesicht blutrot ein. Als ich durch den Rückstoß schräg in den Rücksitz des Autos gepresst werde, knallt es wieder. Ein zweites, hinter uns fahrendes Auto kollidiert nach unserer Drehung vorn links und bohrt sich in die Fahrerseite hinein. Das Rammen bedeutet das Todesurteil für den Taxifahrer. Die ganze Autoseite im vorderen Fahrersitzbereich wird bei diesem Aufprall aufgerissen und öffnet sich nach innen wie eine Sardinendose. Schaudernd sehe ich, wie sich Teile der sich nun verformenden Karosserie in den Körper des Fahrers fressen und höre, wie sich das Knirschen von berstendem Material mit den Schreien des Fahrers vermischt.
Plötzlich ist es ruhig, ich vernehme keinen Laut mehr um mich.
In dieser Stille des Todes fällt mein Blick nach vorne.
Der Kopf des Taxifahrers baumelt unwirklich seitlich nach unten, während an der aufgetrennten Halsschlagader eine zähviskose Suppe ihm vom Hals her dunkelrot in sein nach unten hängendes Haar läuft. Im gleichen Moment strecken sich meinem Gesicht an der offenen Tür zwei zierliche Hände entgegen. Ein Engel?
Etwa mein Engel, der zu mir nach unten kam, um mich nun nach oben mitzunehmen?
Ich versuche sofort die beiden Hände mit meinen Fingern zu ergreifen. Dabei schaue ich in das Gesicht meines Helfers, erkenne es aber nur verschwommen. Die fremden Hände verbinden sich fest mit den meinigen und ziehen mich aus dem Wagen. Draußen setze ich mich auf den Boden, die helfende Person schaut mir ins Gesicht und fragt mich irgendetwas. Benommen verstehe ich kein Wort, ein Lächeln durchzieht meinen leidenden Gesichtsausdruck. Meine Augen versuchen diese Person zu identifizieren. Als sich mein Focus schärft, glaube ich tatsächlich das Antlitz von meinem Schutzengel zu erkennen. Jedenfalls sieht ihr Gesicht so aus, wie ich mir den Anblick eines Engels dieser Art vorstelle. Ängstliche blaue Augen versuchen mein Befinden zu analysieren, ihre eng zusammengepressten Lippen drücken Besorgnis aus und durch eine sanfte Berührung versucht sie meinem nach Gleichgewicht greifenden Körper mit ihren Armen Halt zu geben.
»Haben Sie Schmerzen, kann ich irgendetwas für Sie tun?«
»Bitte, meine Tasche im Wagen…«, stottere ich benommen.
Ich scheine noch gut bei Sinnen zu sein, schmecke aber Blut an der Oberlippe. Es rinnt linksseitig von der Stirn herunter, somit nehme ich meine Umgebung nur mit dem rechten Auge wahr. Die junge Frau hilft mir beim Aussteigen und führt mich langsam an den Straßenrand. Sie hat mich am linken Arm eingehakt und trägt mit ihrer Rechten meine Reisetasche.
Ich nehme sie zwar wahr, bin aber nicht richtig da.
Am Bürgersteig auf der anderen Straßenseite angekommen, setze ich mich sofort wieder direkt auf den Rinnstein.
»Vielen Dank«, flüstere ich und höre aus der Ferne die Sirenen von Polizei und Rettungswagen, »das ist sehr lieb von Ihnen. Darf ich Ihren Vornamen wissen?«
Sie antwortet spontan mit einer sehr ruhigen Stimme.
»Ebba, mein Rufname ist Ebba!«
»Nochmals danke, Ebba. Bei einem solchen Schutzengel hätte mir gar nichts passieren können. Aber wo haben Sie Ihre Flügel gelassen?«
Trotz dieses Vorfalls kann ich sogar noch scherzen.
Sie lächelt. Als sie antwortet, stelle ich fest, so stelle ich mir ein Engelsgesicht vor. »Es freut mich, dass Sie nicht so schwer verletzt sind, aber Ihren Fahrer hat es wohl böse erwischt!«
»Keine Ahnung«, antworte ich und bemerke nun meine Benommenheit, weil mir schwindlig wird. Es vergeht nur kurze Zeit und zwei Sanitäter stehen neben mir. Die üblichen Fragen nach meinem Zustand beantworte ich wie ein Roboter, ich sträube mich aber der Aufforderung nachzukommen auf ihrer Bahre Platz zu nehmen. Deshalb versuchen sie mir unter die Arme zu greifen und mich gehend zum Rettungswagen zu führen. Dabei fixieren meine Augen das Gesicht dieser jungen Frau namens Ebba. Sie läuft an der Seite mit, so dass einer der Rettungsleute fragt, ob sie eine Verwandte von mir wäre. Sie antwortet nicht, zögert etwas und nickt dann einfach ohne den Blick von mir abzuwenden. Was mich bei ihrer Rettungstat so in den Bann gezogen hat, vermag ich nicht zu erklären. Vielleicht nur ihr Äußeres? Sie trägt eine moderne, cremeweiße Jeansjacke unter der wegen des kurzen Jackenschnitts eine gelbe Bluse hervorragt. Ihre eng anliegende, hellblaue Hose mit einem auffallenden sehr breiten Ledergürtel, der von einer sonnenähnlichen Schnalle gehalten wird, findet mein Gefallen. Bei der Schnalle fällt mir der Verschluss auf, der wie eine zweigeteilte Sonne aussieht und von zwei sich durch ihre Schnäbel verhakende Adler zusammengehalten wird. Auch ihre leichten Sportschuhe, weiß mit blauen Rändern an Sohle und Ferse, gefallen mir. Ich schaue in mit festem Blick in ihre großen blauen Augen, was sie auch sofort registriert. Am Rücken ihres schlanken Körpers fallen die blonden Haare lang und leicht gelockt herunter, nach meiner Ansicht ein wahrhaftiger Engel wie auf einem Kirchenbild. Ihr Alter schätze ich auf Mitte bis Ende Zwanzig, sofern dies in der eingetretenen Dämmerung überhaupt einzuschätzen möglich ist. Warum ich sie mit meinen Blicken binde und sie ebenfalls ihre Augen nicht von mir abwendet, frage ich mich nicht. Aber das, was mich an sie fesselt, muss denselben Grund haben, der sie dazu veranlasst hat, meinem Blick starr standzuhalten. Als ich meine Augen tief in ihre Pupillen senke und sie suggestiv anzustarren versuche, wendet sie urplötzlich ihren Blick von mir ab und sie verschließt ihr hübsches Gesicht mit vorgehaltenen Händen. Ja, ich hatte wohl vor in ihre Gedankenwelt einzudringen, schaue jetzt ratlos zu ihr hin, mir fällt keine Erklärung auf diese Reaktion ein. Da ich mich noch immer nicht auf die Rettungsbahre legen will, untersucht mich der inzwischen neben mir stehende Notarzt. Er ist ein hagerer Mann und sieht mir sofort tief in die Augen. Er tastet meinen Kopf ab, sieht meine Verletzung an der Stirn über dem Auge und verarztet diese Wunde. Seine Diagnose lautet leichte Gehirnerschütterung, schließlich entscheidet er, dass ich doch noch in ein Krankenhaus zur Untersuchung aus Sicherheitsgründen einzuweisen sei. Er telefoniert per Handy mit einer Klinik, einer der Polizisten bittet mich schließlich einen Blick in meinen Ausweis werfen zu dürfen. Ich gebe ihm die Karte. Während ich in den Rettungswage einsteige, fragt man mich nochmals nach meinem Befinden. Ich nicke das positiv ab. Als der Wagen losfährt, stelle ich mit Blick nach draußen fest, dass uns einer der Polizeiwagen folgt. Meinem ersten oberflächlichen Blick in das Fahrzeug folgt ein zweites, genaueres Hinsehen. Wenn kein Irrtum vorliegt, sitzt mein blonder Schutzengel im Wagen der Polizei auf dem Rücksitz. Bald bin ich mir sicher, sie fährt dort im Wagen tatsächlich mit.
Einige Zeit später, inzwischen ist es kurz vor 22 Uhr 30, hat mir gerade der Radiologe in der Klinik mitgeteilt, dass ich sehr viel Glück gehabt hätte. Zwei Personen in einem zerstörten Taxi mit Totalschaden. Eine Person kam zu Tode, während ich mit nur geringfügigen Verletzungen dem Riesencrash entronnen war. Polizeilich werden meine Daten gleich bei der Einweisung in das Krankenhaus parallel aufgenommen. Die Polizei hat meinen Ausweis bei der Anmeldung hinterlassen, käme aber morgen am Vormittag wieder zu mir ins Krankenhaus. Das Angebot von Seiten des Krankenhauspersonals, meine Verwandten über den Unfall telefonisch in Kenntnis zu setzen, lehne ich dankend ab. Das will ich gerne nachher selbst vornehmen. So trete ich aus dem Untersuchungszimmer heraus auf den Flur. Dort wartet eine Krankenschwester mit einem Rollstuhl, den ich dankend mit dem Hinweis ablehne, ich könne zum Glück noch gut selbst laufen. Sie lächelt mich an, nickt mir zu, schiebt den Rollstuhl beiseite und spricht mich an. »Natürlich, lassen Sie mich dann vorausgehen.«
Kurze Zeit später bin ich in einem Zweibettzimmer und habe ein wenig Glück. Das zweite Bett ist nicht belegt, was mir eine nächtliche Ruhe ohne jegliches Schnarchen eines Zimmergenossen prognostiziert. Ich lasse mich müde auf den Bettrand nieder und versuche lang und nachhaltig durchzuatmen. Dabei schaue ich mich im Zimmer um und versuche wieder Ordnung und Ruhe in mir herzustellen. Das Hotel müsste ich noch anrufen, meine Frau und den Eddi ebenfalls. Oder jemand hier in Berlin, der mich auch privat kennt.
Während ich die folgenden Handlungen zu ordnen versuche, atme ich wieder kräftig durch. Zum Test strecke ich dabei sämtliche Gliedmaßen und versuche durch Bewegungen meinen Körper zu organisieren.
Kaum habe ich begonnen, geht die Tür auf und die Krankenschwester schaut in den Raum.
Ihre Stimme klingt skeptisch: »Es ist eigentlich schon spät für Besuch, aber draußen steht Ihre Tochter mit Ihrer Reisetasche. Ich habe sie ausnahmsweise hereingelassen…«
Ich schalte sofort, weil mir Glücksgefühle die Lösung verraten.
»Ja, ja! Lassen Sie sie bitte herein. Danke schön!«
Nachdem die Schwester auf dem Flur verschwunden ist, steht mein zierlicher Schutzengel im Türrahmen, an ihrer Hand sehe ich meine Tasche baumeln. Ich tue überrascht.
»Ebba! Ja, jetzt habe ich sogar einen Schutzengel als Tochter. Seltsam, wie sich das Leben stetig ändert, oder?«
»Hier ist Ihre Tasche», unterbricht sie mich, »die Polizei hat mich hergefahren, sie glaubt, ich wäre eine Verwandte.«
Ihre Stimme klingt weich und glasklar.
Ich lächele: »Sie sind mit mir doch verwandt! Sie sind mein Schutzengel, der mich aus dem Unglücksauto gezogen hat, Sie sind meine Glücksfee, obendrein ein fleißiger Engel, welcher mir auch noch wie eine Dienerin das Gepäck hinterher schleppt! Normalerweise tut das nur eine Tochter. Die Krankenschwester hat recht!«
Sie lächelt mich an, ihre schneeweißen Zähne fallen mir sofort auf. Dann schaut sie mich erwartend an. Sofort spüre ich ihre Gedanken, kann sie aber nicht einfangen und deuten. Sie scheint das blockieren zu können, deshalb entsteht eine schweigsame Gesprächspause, die ich spontan mit einer Frage beende.
»Woher wussten Sie eigentlich, dass im Rettungswagen noch meine Reisetasche war. Ohne Ihr Eingreifen, wäre sie verbrannt, denn ich hatte sie des Geschehens wegen völlig vergessen!?«
Sie schaut mich fragend an, ich spüre in ihr Unbehagen, welches aus ihren Augen leuchtet. Sie fixiert mich streng, ich fühle ganz deutlich ihre Versuche, das Verbergen ihrer Gedanken mir gegenüber zu beschleunigen.
Verheimlicht sie mir etwas?
»Aber«, sie hebt ihren Kopf, ihre Augen verengen sich etwas, worauf sich kleine Stirnfalten bilden, »Sie haben mich gebeten, die Tasche aus dem Wagen zu nehmen.«
Sie schließt die Augen. Als ich verwundert nicht gleich antworte, weil ich nachdenke, schaut sie mir kurz in die Augen, schließt sie dann aber wieder.
»Moment, habe ich Ihnen gesagt, dass Sie mir die Reisetasche aus dem Auto holen sollen? Der Wagen brannte doch schon?«
»Nein, gesagt haben Sie nichts, mein Herr, aber aufgefordert haben Sie mich dazu.« Unschuldig senkt sie ihren Kopf.
Meine Sinne geraten nun durcheinander und ich sehe wohl im Gesicht auch so aus. Deshalb winkt sie ab und schüttelt den Kopf. »Sie brauchen mir nichts zu erklären. Und ganz ehrlich, ich will es auch gar nicht wissen!«
Ihr Körper weicht ein paar Schritte von mir ab. Das erweckt in mir den Eindruck, dass sie extreme Vorsicht walten lässt. Sie hebt ihre Hand wie zur Abwehr hoch und sagt: »Wirklich, wenn Sie das nicht wollen, brauchen Sie mir darüber nichts sagen und auch nicht, wie sie es gemacht haben. Ich war nur sehr erschrocken. Ich wusste nicht, dass es hier in Berlin Menschen gibt, die diese Kunst beherrschen. Der Unfall und die damit verbundene Sachlage sind mir unheimlich. Sorry, aber ich möchte mich verabschieden.«
Ich werde ungeduldig, verliere aber meine Ruhe nicht.
»Von welcher Kunst, die ich beherrsche, reden Sie denn?«
Grazile Bewegungen lassen sie zu der Tür gleiten. Ehe ich aufgestanden bin und hinterhereilen kann, ist sie schon aus dem Zimmer geeilt und auf dem langen Flur verschwunden.
Mich beherrscht plötzlich ein furchtbarer Gedanke.
Obwohl mir der Schreck durch die Glieder fährt, spüre ich keine große Verwunderung in mir. So langsam wird mir bewusst, was gerade mit dieser Ebba passiert war. Ich denke nach und konzentriere mich auf die Vergangenheit. Dabei gerate ich in einen Tiefschlaf von kurzer Dauer, den ich selbst hervorrufe.
Die Bilder, die rasant an mir vorbeihuschen, sind eindeutig.
Ebba hält mit ihren Händen meine Hände und versucht mir aus dem Wagen zu helfen, der im vorderen Motorenbereich zu brennen beginnt. Mein Blickkontakt in ihre Augen ist während dieses Vorgangs heftig. Als ich neben ihr auf der Straße stehe, halte ich ihre Hände weiter fest und gebe ihr die Bitte auf, auch meine Reisetasche aus dem Wagen zu holen. Das tut sie dann auch und führt mich auf die andere Straßenseite. Das war’s. Ich bin zurück in der Realität! Die Lösung ist einfach. Ich habe es ihr nur mit den Augen gesagt und sie hat es verstanden. Mir fährt im Moment wieder der Schreck durch die Glieder. Denn dass ich keineswegs bewusst diese Ebba im Geiste zu kontaktieren gewillt war, weiß ich selbst am besten. Es kam automatisch. Was hat mir Olaf eigentlich im Hirn alles umgekrempelt und was funktioniert bei mir noch normal? Meine Gedanken schwirren vor mir noch etwas nach, da ich offensichtlich noch bei ihrer Rettungstat einen Dialog geführt habe, während sie mich zur anderen Straßenseite geleitete. In mir klingt es wie ein Grollen: »Ihr Vorname ist Bendit, richtig? Ich heiße übrigens Ebba Ovind und studiere Ägyptologie hier in Berlin. Genügt Ihnen das?«
Hatte nicht genügt, denn ihre Adresse nannte sie auch. Ich schlurfe in das Zimmer zurück und suche in den Taschen meiner Sportjacke das Handy. Ich muss dem gebuchten Hotel absagen und dann versuchen Eddi zu erreichen. Endlich habe ich das Smartphone in den Fingern. Es ist nicht eingeschaltet, so gebe ich meinen Pin als Security-Codes ein. Ich nestele völlig konfus an dem Ding herum und weiß nicht so recht, was da überhaupt geschehen ist. Alle Kontaktdaten scheinen gelöscht zu sein. So rufe ich den Part Eingegangene Nachrichten auf. Nichts vorhanden, wird da einfach gemeldet! Das kann nicht sein. Ich hatte heute Nachmittag noch im Zug mit meiner Frau Kerstin telefoniert und von meinem jüngsten Sohn Jens eine Nachricht via Whatsapp empfangen. Langsam werden meine Bewegungen hektisch. Ich wechsele zu anderen Tools und rufe einen nach dem anderen auf. Zum Verrücktwerden. Gesendete Nachrichten, empfangene oder nicht angenommene Anrufe, überall derselbe Text mit dem Hinweis auf einen leeren Speicher. Ich schüttele verärgert den Kopf. So wähle ich mein Adressbuch über die Kontaktzeile SIM an und kriege fast einen Herzschlag. Da steht kein einziger Eintrag mehr. Das finde ich nicht lustig, mein Adressensammelsurium war zu umfangreich. Ich verlasse mein Zimmer, eile zum Raum der diensthabenden Nachtschwester. Als ich den Dienstraum finde und vor der Sichtscheibe stehe, legt sie gerade den Hörer auf.
»Sagen Sie«, frage ich, »können Sie mir den Gefallen tun und meine mobile Telefon-Nummer zur Kontrolle anrufen? Da stimmt etwas mit diesem Ding nicht!« Dabei halte ich ihr gut sichtbar mein Handy vor das Flurfenster. Sie lächelt und wedelt mit der Hand.
»Kommen Sie ruhig herein und machen Sie es selbst!«
Ich bedanke mich, öffne die Tür neben der großen Sichtscheibe und nehme den Hörer. Ich wähle flugs meine Mobilnummer und harre dann der Zeichen, die da ertönen werden. Schnell meldet sich die Stimme der Mail-Box meines Mobilanbieters und teilt mir stereotyp mit, dass der Teilnehmer zurzeit nicht erreichbar ist, aber von meinem Anruf durch das sofortige Senden einer SMS informiert wird. Und das, obwohl mein Phone eingeschaltet ist. Ich lege den Hörer auf und starre ungläubig auf mein Handy.
»Wer oder was spielt mir einen solchen üblen Streich?«
Ich erkenne auf dem Telefongerät am Tisch die Nummer des Festnetzanschlusses als Durchwahl zur Krankenstation. Als ich diese Nummer auf meinem Handy anwählen will, geht mein Handy ganz und gar auf Tauchstation und schaltet sich aus.
Das langt mir.
Schnell habe ich den Deckelverschluss auf der Rückseite geöffnet, prüfend blicke ich auf das Innenleben. Direkt oben starrt mich der Akku an, aber den verdächtige ich gar nicht. So prüfe ich die SIM, klicke sie kurz raus und schiebe sie wieder rein. Kurz danach schalte ich das Handy wieder ein, worauf es den Pin verlangt, welchen ich sicher, ruhig und richtig eingebe. In meiner Nervosität etwa doch nicht sicher genug? Jedenfalls wird mir ein ödes Knacken als Error-Sound simuliert, danach folgt im roten Feld kurz: Falscher Code!
»Himmel, was für eine Verarschung!«, schimpfe ich, worauf die Schwester erschrocken auf mich schaut und sagt:
»Es hat bestimmt bei Ihrem Unfall Schaden genommen?«
Auf diese logische Mutmaßung bin ich gar nicht gekommen, aber mein Gerät sieht wirklich nicht aus, als hätte es bei dem Unfall einen Schaden davongetragen. Da ist etwas manipuliert worden. Diesmal tippe ich den ganzen Zugangscode noch etwas langsamer und sorgfältiger ein. Aber das Ergebnis bleibt wie gehabt, dieses Ding lässt mich nicht mehr zur Benutzung hinein. Ich frage die Krankenschwester, ob ich ihr Telefon benutzen darf. Das lehnt sie ab und macht mir klar, dass dies für Patienten in der Dienstorder verboten sei. Aber ich könnte mich unten an dem Automaten digital anmelden, da mit der erhaltenen Chipkarte ein Telefonieren aus meinem Zimmer möglich ist. Das sehe ich ein und begebe mich per Lift vom vierten Stock nach unten in das Erdgeschoss. Dort existiert noch Leben in diesem Krankenhaus. Ich begegne mehreren Personen, obwohl es inzwischen schon auf Mitternacht zu geht. Seitlich vom Informationsschalter finde ich auch schnell den Chipautomaten. Der zu zahlende Mindestbetrag zum Erwerb eines Chips von fünf Euro ärgert mich etwas, zähneknirschend entnehme ich den Chip und aktiviere ihn. Am zweiten Automaten daneben ziehe ich schnell noch eine Mineralwasserflasche, zehn Minuten später stehe ich wieder im vierten Stock und nerve wieder die Schwester. Ich frage sie, wie diese Chipkarte vom Telefon im Zimmer anzuwenden ist. Sie erklärt mir das gut, kurze Zeit später telefoniere ich mit meiner Frau, die meinen Anruf schon längst erwartet hat und aus Unruhe nicht ins Bett gegangen ist. Es dauert ewig, bis ich alles erklärt habe, wo ich bin und was ich will. Da ich die Nummer von Dr. Eddi Rehmer nicht im Kopf habe und diese in meinem Handyspeicher unerreichbar schlummert, bitte ich sie sich mit ihm in Verbindung zu setzen und ihn über die Zentrale des BKA zu informieren. Endlich bin ich fertig und merke meine Müdigkeit. Als ich mich in das Bett gelegt habe, spielt mir mein Gedächtnis noch einen Streich. Neben dem Tisch sitzt Olaf mit bösem Gesicht. Ein Erschrecken kann ich nicht vermeiden, ehe mir meine Sinne diese Einbildung als falschen Alarm melden. Zum Glück bin ich nach nur wenigen Minuten eingeschlafen.
August 2004, 3.Tag
Viel zu früh werde ich geweckt, die Schwester – ein anderes Gesicht – fühlt den Puls. Als sie mir danach Blut abnehmen will, stößt sie auf Widerstand. Ich lehne das ab und gebe an, für dieses Verhalten gute Gründe zu besitzen. Sie verhält sich keinesfalls ärgerlich, sondern betont nur, sie müsse das dem Oberarzt der Station mitteilen.
Ich nicke kurz, obwohl ich ihren Ausführungen überhaupt nicht mehr gefolgt bin. Das Zimmer hat sich unter dem Morgenlicht ganz andere optische Umstände angeeignet und sieht besser als gestern am späten Abend aus. Die Strahlen der Sonne empfinde ich als angenehm, mein Gefühl für den Morgen nimmt positiven Einfluss auf den Lebensmut. Im gemischten Farbenspiel aus gelb und orange schieben sich behutsam die Sonnenfinger durch die Fenstergardinen, legen sich auf meine Bettdecke und brechen sich in Reflektionen an Bettgestell und Nachttisch. Sie streicheln mein Gesicht zart und zwingen meine Augen dazu, die Umgebung aus schmalen Schlitzen zu erforschen. Kurz darauf stehe ich schwunghaft auf. Es dauert sehr lange, bis ich aus dem Badezimmer zurückkehre und angekleidet bin. Dem kleinen Schubfach am Nachttisch entnehme ich meine Brieftasche, in der auch meine Geldbörse integriert ist. Dabei fällt mein Blick auf das kleine schwarze Ärgernis, diesem vermaledeiten Handy.
Ich schaue es kurz entgeistert an. Meine Augen wirken wegen der unangenehmen Erinnerung ratlos, dennoch betätige ich den Go-Start, der durch ein hörbares Knurren im Gerät zitternd bestätigt wird. Ich erwarte die Eingabeaufforderung auf dem Display und presse unbewusst die Lippen zusammen. Die Frage nach dem Eingangscode ist eine Verhohnepipelung, jedenfalls sehe ich das jetzt so. Sofort gebe ich langsam den bestehenden Code ein. Das Display wird weiß, dann folgt mit dem üblichen Error-Sound der Text. Ich grinse frech über das ganze Gesicht und lese: Ihr Konto und die Einstellungen sind nicht konfiguriert! Prüfen Sie die SIM.
Es klopft an der Tür. Gleichzeitig mit meinem fragenden »Ja« öffnet sie sich und ich erkenne Eddi. Irgendwie bin ich erleichtert und fühle mich wohler. Seine schlanke Gestalt schiebt sich in das Zimmer.
Ich blicke ihn ausgeschlafen an.
»Hallo Eddi!«
»Hi Bendit. Schön, Sie wohlauf zu sehen ohne böse Folgen vom Unfall! Ich komme gerade vom diensthabenden Arzt.«
»Ich hoffe, Sie sind nicht zu Besuch hier?«
»Bin ich nicht, möchte Sie abholen. Schon gefrühstückt?«
»Nein, darauf kann ich verzichten. Das einzige, nach dem es mich lechzt, wäre ein starker und genussvoller Kaffee!«
»Dann los, den bekommen Sie perfekt bei uns im Amt. Dort wird ein wahrer Prachtkaffee gebrüht!«
»Verarschung kann ich aber jetzt nicht gebrauchen, Eddi!«
»Warum sollte ich Sie verarschen, Bendit?«
»Das ist nicht gegen Sie gerichtet, ich erzähl‘ es Ihnen auf dem Weg. Lassen Sie uns gehen.«
Eddi nickt. »Die Papiere habe ich. Sie müssen noch unterschreiben, Ihre Entlassungspapiere sind wichtig für das Krankenhaus.«
Er legt sie auf den Tisch. Ich unterschreibe sie blanko ohne diese zu lesen. Währenddessen öffnet Eddi die Tür. Auf dem Gang sehe ich eine weitere Person stehen.
»Sie sind nicht allein, Eddi?!«
Er schaut mich an.
»Ich habe einen Beamten vom LKA an meiner Seite. Wir sind sehr vorsichtig aufgrund des Vorfalles von gestern. Nach unseren ersten Recherchen war das gestern kein normaler Unfall. Aber das hier Ihnen genau zu erklären, wäre verfrüht!«
Ich erkenne Erstaunen in seinem Gesicht, weil ich auf seinen Hinweis in keiner Weise panisch reagiere. Dementsprechend fällt auch seine Reaktion aus.
»Der Unfall verwundert Sie nicht?«
»Nein, nicht mehr! Ich weiß genau, woran ich bei Olaf und seiner seltsamen Kultursekte bin, die sich als eine vermeintliche überirdische Gottes-form ausgibt. Aber Macht haben sie schon!«
Ich zeige ihm das Display meines Handys. Er liest den Text, lächelt verstandesgemäß und brummt vor sich hin: »Sehr clever von ihm, aber auch ein gefährliches Zeichen für Sie!«
»Das ist seit gestern so. Ich verstehe nicht, wie Olaf oder seine Sinnesgenossen fertig bringen mein Handy derartig lahmzulegen.«
Eddi öffnet das Handy und entnimmt die SIM-Karte. »Also die Karte macht ihren Dienst nicht mehr, der Chip ist kaputt. Ich lasse das Ding untersuchen. Nennen Sie Ihren Provider, wir besorgen schnellstens eine neue!« Er behält das Handy gleich, da ich ihm zunicke und schaut aus dem Fenster hoch in die Sonne. Seine Antwort ist logisch: »Ihm liegt viel daran eine Zusammenarbeit zwischen Ihnen und uns zu verhindern. Dieser Olaf hat dringend Zeit gebraucht, deshalb sollten Sie uns nicht noch gestern erreichen können. Die Aktion mit der SIM-Karte hatte ihren Grund.«
»Die Zeit hat er bekommen«, nicke ich, »aber warum wohl?«
Ich schaue ihn fragend an, er wendet sich vom Fenster ab.
»Der erste und wichtigste Punkt für ihn war, dass Sie nicht direkt telefonisch mit mir oder Ihren Verwandten in Kontakt treten können. Sie wollten, dass Sie das über das Krankenhaus tun, was Sie auch getan haben!«
»Hä, Sie meinen, die haben sich in das Gespräch eingeklinkt?«
»Natürlich«, entgegnet Eddi, »nur herauszufinden in welches Krankenhaus Sie eingeliefert werden, ist wohl kein Problem!«
Ich ärgere mich, nicht vorher daran gedacht zu haben, während Eddi grübelt.
»Der zweite Punkt ist, wir vom LKA sollten nicht zu schnell die Unfallstelle erreichen, so dass erst die Verkehrspolizei die Sachlage regelt und dabei wie bei einem herkömmlichen Unfall vorgegangen wird. So werden die am Unfall beteiligten Fahrzeuge nach Ortsuntersuchung zur Spurensicherung in den polizeilichen Gewahrsam genommen, dann von uns begutachtet und in den meisten Fällen sogar von uns abgeschleppt.«
»Na und?« Ich begreife den Zusammenhang nicht.
Eddi schaut mich kopfschüttelnd an.
»Das Taxi und der aufgefahrene Pkw sind durch Anweisung der Polizei abgeschleppt worden, nicht aber der Transit, der den Unfall verursacht hat. Wir kennen nicht einmal die Person, die diesen Wagen gefahren hat. Offensichtlich verletzt war die Person schon verschwunden, als die Rettungswagen eintrafen. Mit Ihnen, Bendit, lief das auch nicht gerade sehr reibungslos. Deshalb sind wir auch früh hier, um Sie zu uns zu holen. Leider ist uns der Hinweis Ihrer Frau über das ganze Vorgefallene erst vor knapp einer Stunde zugegangen, sonst hätte ich Sie schon in der Nacht hier herausgeholt. Das war gefährlich hier zu übernachten. Denn wir wissen aus Erfahrung, Sie waren in allergrößter Gefahr!«
Der zivilgekleidete Polizeibeamte im Flur begrüßt mich mit kurzem Kopfnicken, dann schreiten wir alle drei gemeinsam zum Flurfenster des Anmelderaumes. Die Schwester im Raum sieht auf die Papiere, nickt, dann wünscht sie uns einen guten Tag.
Als wir die große doppelflügelige Tür der Krankenstation hinter dem Flur durchschreiten und auf den Fahrstuhl zugehen, ist es bei mir plötzlich wieder da. Ruckartig bleibe ich stehen und starre gänzlich hilflos um mich. Während mich Eddi überrascht ansieht, hat sich sein Kollege flink und behände von uns entfernt, lehnt sich angespannt an die Wand und beobachtet genau die Eingänge zum Treppenflur und zu den beiden Fahrstühlen.
»Stopp! Bitte einen Augenblick!«, sage ich.
»Ist Ihnen nicht gut, Bendit?« fragt Eddi besorgt.
»In gewisser Weise trifft das schon zu!«
Wir setzen uns auf eine Bank im Vorraum der Station, der mit Tischen und Stühlen ausgestattet den Besuchern dient.
»Was ist los mit Ihnen? Depression? Angstgefühle?«
»Weder, noch«, murmele ich. Und während ich ihm mein Gefühl und die daraus sich zumeist ergebenden Folgen zu erklären versuche, hat sich unser Polizeibeamte in Zivil bis zur Tür des Fahrstuhls zurückgezogen und behält dort jede Tür genau im Auge. Bei mir hingegen ist das offenbar noch anders. Ich erkläre in sehr ruhigen Worten all das, was passiert ist, wenn mich ein solches Unwohlsein ereilt. In mir wirken da irgendwelche sensorischen Kräfte und Sinnesfähigkeiten, die Schwere im Kopf, in den beiden Beinen und ein festes Quetschen in Magen und Darm ausdrücken. Genau dasselbe Gefühl wie gestern Abend, kurz vor dem Unfall. Eddi begreift die Fakten ungeheuer schnell und hat wohl auch keine Zweifel an meiner Aussage. Zu viel hat er schon von mir und meinen Eigenschaften erfahren, so ordert er uns beide zurück in den Flur der Station bis in mein Zimmer. Den Polizisten weist er an vor der Glastür der Station stehen zu bleiben, nach beiden Seiten hat er gute Sicht zu jedem, der den Flur von Treppe oder Fahrstuhl aus betreten will. Im Zimmer setze ich mich erschöpft auf die Bettkante, Eddi geht von der Tür weg und lehnt sich an die Wand zwischen Fenster und Tür, nachdem er einen kurzen und genauen Blick in das Badezimmer geworfen hat. Er faltet seine Hände direkt vor das Gesicht, schaut auf mich mit strengen Augen an.
»Und jetzt, wie geht es Ihnen jetzt?«
»Es ist schwächer geworden, aber noch da!«
Er merkt, dass ich mit meinem Zustand selbst rätsele.
»Unglaublich«, murmelt er vor sich hin, »das ist ja wie beim Zauberer Merlin. Was sind das nur für seltsame Fähigkeiten bei Ihnen? Betrachtet man es genauer, eigentlich eher großartig!?«
»Großartige Fähigkeiten? Wollen Sie die so haben? Wenn ich kann, gerne würde ich Sie Ihnen geben, Eddi! Dass der Tod uns alle irgendwann und irgendwo erreicht, weiß ich und Sie wissen das auch. Wollen Sie aber wirklich immer wissen, wann Freund Hein bei Ihnen gerade ums Haus geht? Nee, ich sicher nicht!«
Eddi scheint mir da nicht so recht zuzuhören. Unverhofft fragt er mich: »War eigentlich Ihr ungutes Gefühl schon da, bevor wir vorhin dieses Krankenzimmer verlassen haben?«
»Nein, erst als wir die große Glastür durchquert haben.«
Er zückt sein Handy, wählt und verschwindet ganz schnell im Badezimmer. Keine Minute später steht er wieder vor mir. Er überlegt kurz, öffnet dann die Zimmertür zum Flur. Rechts, nur wenige Meter entfernt, steht sein Kollege vor besagter Glastür wie ein unverrückbarer Fels. Er ruft ihm etwas zu, worauf der nickt und verschwindet. Dann wendet er sich wieder mir zu. Nur im Flüsterton vernehme ich seine Worte.
»Wir warten noch etwas!«
»Und was läuft dann ab?«, frage ich ihn besorgt.
»Ich habe Verstärkung vom LKA angefordert. Unauffällig im Zivil-Look. Ich bin gespannt, wie sich Ihr Wohlbefinden in den nächsten Minuten verhält. Die Jungs brauchen nur kurze Zeit bis hierher! Kommen Sie Bendit, wir gehen jetzt wieder durch den Flur in das Besucher-Foyer.«
Ich bin widerwillig, denn mein ungutes Gefühl ist noch nicht verschwunden, es dreht sich im Bereich meines Magens. Beinahe so, als hätte ich verdorbenen Fisch gegessen. Wir schauen aus der Tür zum Krankenzimmer und sehen den Kollegen von Eddi, der uns zuwinkt. Er deutet mit der Hand in wedelnden Bewegungen, dass wir zu ihm nach vorne kommen sollen. Offensichtlich will er damit sagen, dass alles okay ist. Doch nun geschehen zwei Dinge fast gleichzeitig. Beim Blick auf den Beamten verschärft sich bei mir mein Unwohlsein derart stark, dass sich in mir nun der Magen umzudrehen scheint, ferner reißt mich Eddi gleichzeitig wieder ins Zimmer zurück. Wir stehen beide im Zimmer neben der Tür eng an die Wand gedrückt. Eddi keucht schwer.
»Das macht der Conny nie so! Er hebt immer den Daumen, wenn alles okay ist und wedelt nicht mit der Hand wie ein Hund mit dem Schwanz. Da läuft was, der verhält sich anders!«
Was den Beamten betrifft, ich verstehe überhaupt nichts mehr.
Er schaut mir ins Gesicht. »Was ist mit Ihnen, Bendit? Sie sind ja völlig schneeweiß im Gesicht!«
»Mir ist jetzt einfach nur kotzübel«, lalle ich vor mich hin. Nun packt mich Eddi am Arm und bugsiert mich flink in das Bad und drückt die Tür zu. Dann brüllt er laut: »Schließen Sie bitte ab!«
Ich tue das und setze mich erschöpft auf den Klodeckel. Die Zeit scheint stillzustehen. Es dauert ewig, bis ich im Zimmer Stimmen höre und dann auch die von Eddi vernehme. Mein Unwohlsein, insbesondere dieser in der letzten Minute unerträglich gewordene Kopfschmerz, ist verschwunden. Ich schließe die Tür auf, weil Eddi mich dazu auffordert. Im Zimmer stehen mehrere Leute, darunter ein Arzt, den bei diesem Durcheinander die Krankenschwester beigeholt hat. Eddi hat es sehr eilig. Ich werde von den Polizisten in die Mitte genommen, dann geleitet man mich geschwind durch den Flur zum Lift. Dabei geht Eddi mit gezückter Waffe voran.
Im Foyer der Besucher erkenne ich vor dem Fahrstuhl den Polizisten, unseren Begleiter, den Eddi als Conny rief. Der sitzt auf dem Boden und lehnt mit seinem Oberkörper an der Wand, sein Körper zittert stark. Ich fixiere in seinem sehr dunkel wirkenden Gesicht seine stark blutunterlaufenden Augen und stelle an seinem Kragenaufschlag fest, dass er sich erbrochen hat. Neben ihm hockt ein zweiter Arzt, daneben eine weibliche Person, auch im weißen Kittel. Ein wenig abseits stehen zwei weitere Leute, die ich sofort der Kleidung wegen dem LKA zuordne. Sie haben Ähnlichkeit mit den Burschen vom SEK. Wir sind schnell an der Szenerie vorbei, die Fahrstuhltür schließt sich fast lautlos.
Unten angekommen verfrachtet man mich in eines der zwei direkt vor dem Krankenhausportal parkenden Fahrzeuge auf den Rücksitz. Die beiden Limousinen fahren sofort los. Ich sehe im Heckfenster schnell die Silhouette vom Krankenhaus klein und kleiner werden. Eddi sitzt vor mir auf dem Platz des Beifahrers, neben mir haben sich jeweils rechts und links zwei bewaffnete Leute vom SEK mit utopisch aussehenden Westen in die Polster geklemmt. Vor uns fährt ohne Sirene, aber mit blau blinkenden Leuchten platzmachend das andere Auto und schlängelt sich mit uns durch den morgendlichen Berliner Verkehr. Ich lehne mich zurück und schließe beide Augen. Aber nur sekundenlang, denn mein Gehirn will augenblicklich wieder selbständig den Film des gestrigen Unfalls einlegen, der mir gerade in den Sinn kommt. Ich reiße die Augen auf und verhindere dadurch einen traumatischen Ausflug, produziere sozusagen einen künstlichen Filmriss im Gehirn. Natürlich bemerken das auch meine Sitznachbarn. Sie schauen mich beide fragend an, denn sie verstehen augenblicklich genauso wenig wie ich meine automatischen Hirnfunktionen. Ich versuche verkrampft den beiden ein Lächeln vorzuspielen, aber es bleibt bei einem sehr kläglichen Versuch, wie ich der Mimik von den Blicken der beiden entnehme. Mein Fluchen schlucke ich fix herunter. Es dauert nicht mehr lange, dann hält unser Wagen. Wir steigen aus, ich stehe wieder vor einem Krankenhaus. Meine Geduld geht jetzt zu Ende, aber ich bleibe ohne jedes Murren ruhig. Meine Augen wandern hoch zu den Wolken, sie haben es scheinbar eilig nach Osten hin zu verschwinden. Oh Gott, welche Gabe hast du mir verliehen, denke ich. So schicke ich nun doch einen kleinen Fluch in den Himmel, wenn auch nicht ganz ehrerbietend.
Wo ich jetzt genau bin, entzieht sich völlig meiner Kenntnis. Fast drei Stunden verbrachte ich ohne Freund Eddi unter Aufsicht einiger mir fremder Leute vom LKA im Untersuchungs-zimmer dieses Bundeswehrkrankenhauses. Dann teilt mir Eddi per Telefon über einen der Beamten mit, der geplante Ausschuss würde erst morgen um zehn Uhr beginnen, nicht wie ursprünglich geplant früh um acht Uhr. Zwei Beamte bringen mich jetzt im Gästehaus unter, von dem ich nicht weiß, wo es überhaupt genau liegt. Weil es schon bei der Hinfahrt auf den Straßen regnerisch war, konnte ich die Straßenschilder nicht so genau erkennen. Immerhin habe ich als ehemaliger Westberliner schon lange die Stadt verlassen, da ist man nicht mehr so genau über den Berliner Straßenverlauf orientiert. Ich bin mir aber sicher, dass ich irgendwo im Ostteil der Stadt bin, entweder irgendwo im Bezirk Weißensee oder Pankow. Jedenfalls in einem abseits liegenden Gebäude des LKA.
Mein Blick in den Spiegel stellt mein Aussehen fest, ich habe in den letzten Tagen schon erheblich schlechter ausgeschaut. Die Gesichtsfarbe wirkt frisch, meine Stimmung ist den Umständen nach sogar gut. Auf ein angebotenes Essen habe ich verzichtet, jetzt nach dem Duschen würde ich liebend gerne einen urgemütlichen Spaziergang machen, um diesen dann in einem Berliner Café bei einem Cappuccino und einer Zeitung ausklingen zu lassen. Aber nein, um vierzehn Uhr soll ich den Chef der morgigen Tagung treffen. Seinen Namen habe ich wieder vergessen, weil er mir unwichtig erschien. Zum Glück wird Eddi beim Gespräch dabei sein, es dient der Vorbereitung, falls ich morgen bereit bin vor den internationalen Tagungsmitglieder Aussagen abzugeben. Aber ich weiß überhaupt noch nicht, was ich da sagen soll.
Das Gästezimmer kann sich durchaus mit Standards sehr guter Hotels in Berlin messen. Ich lasse meine Handfläche sanft über die rechte Kinnseite gleiten und überlege, ob ich die schlechte Rasur wiederholen soll. Ich verwerfe den Gedanken und verlasse das Bad und schaue aus dem Zimmerfenster. Die Augen überfliegen einen einfachen, aber sehr ordentlich angelegten Garten. Dieses Zimmer hier liegt im zweiten Stock, und da das Gebäude winkelförmig angelegt ist, erkenne ich linksseitig die Westseite mit immerhin fünf Stockwerken. Das Haus erinnert mich an Schleswig-Holstein, dort habe ich oft solche Bauwerke mit braunem Ziegelmauerwerk, beigen Fensterläden und harmonisch aufgesetzten Ziegeldächern mit Erkern gesehen. Es klopft an der Tür. Da sie unverschlossen ist, bitte ich lautstark um Eintreten. Es ist Eddi, ich hatte ihn erwartet.
»Alles okay soweit?«, schnauft er fragend.
»Ja danke, ich fühle mich sehr gut!«
Er lächelt und setzt sich auf einen der beiden Stühle. Eddi trägt ein blaues Freizeithemd mit Karomuster, er lässt es über die Hose hängen. Eigentlich sehr geschmackvoll, wie ich finde.
»Wollen wir gehen, Bendit? Da Sie auf den Schweinebraten mit Klöße und Rotkohl zum Mittagessen hier verzichtet haben, können Sie jetzt aber auf ein Stück Kuchen zugreifen.«
»Ja, gerne«, antworte ich, »aber mit einem guten Kaffee!«
»Na klar, da ich Ihnen sowieso Gesellschaft leisten möchte und auch selbst passionierter Kuchenesser und Kaffeetrinker bin, ist bereits jetzt für Gutes gesorgt.«
»Sie meinen, Sie müssen mir Gesellschaft leisten!«
»Wenn Sie das so realistisch sehen, - ja! Aber ich mach’s gerne.«
»Liegen schon neue Erkenntnisse über den Unfall gestern und den Ereignissen von heute früh im Krankenhaus vor?«
»Ja, sind aber weitgehend Spekulationen. Ich weiß bisher nur relativ wenig darüber, was beweisbar feststeht. Nur eines dürfte klar sein. Ihr bester Freund Olaf will Ihnen an den Kragen. Das tut er offensichtlich mit Macht und allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften. Doch wie er das ausführt oder ausführen lässt, das liegt sogar jenseits meiner Vorstellungen als promovierter Physiker!«
»Darüber habe ich mir noch nicht den Kopf zerbrochen. Aber Sie liegen falsch, Eddi. Es macht meines Erachtens aus der Sicht von Olaf keinen Sinn, mir etwas anzutun!«
»Wie bitte? Das klingt heroisch! Haben Sie denn keine Angst?«
»Nein Eddi, habe ich nicht! Aber nicht aus Heroismus!«
»Verhalten Sie sich mutig oder ist das gar nur Dummheit?«
»Nein, pures Wissen über Olaf! Ich kenne ihn, er will etwas von mir und muss es erzwingen. Mein Tod nutzt ihm gar nichts, deshalb will er mich nicht umbringen. Allerdings liebt er alle jene Entscheidungen, die das Schicksal selbst fällt. Insofern plant er zwar nicht mich direkt umzubringen, aber er legt mein Leben in die Hände schicksalhafter Ereignisse. Sein Weg führt zuerst dahin, mich zu unterwerfen. Sein erstes Ziel heißt mich zu überzeugen, euch jede Hilfe gegen ihn zu verweigern. Tue ich das nicht, wird er immer wieder das Schicksal gegen oder für mich herausfordern.«
Eddi schüttelt den Kopf.
»Ach, und das mit dem Unfall war dann pure Berechnung des Schicksals, dass Sie den Crash überleben?«
»Berechnete Einschüchterung inklusive eines Spiels mit dem Tod. Ich kenne ihn gut. Es ärgert sein Ego maßlos, wenn man vor ihm und seinem Wissen keinerlei Respekt zeigt. Dass es schiefgeht und meinen Tod bringt, schließt er ein. Eddi, wenn er mich gezielt per Plan umbringen will, wäre ich doch längst schon tot!« Hier habe ich jetzt die genau die Worte von Jennifer benutzt.
»Einschüchterung unter Einbeziehung eines Unfalltoten?« Im Gesicht von Eddi spiegelt sich purer Unglaube.
»Natürlich! Kein Zufall, der Vorgang war planmäßig, aber der Ausgang war schicksalshaft! Für mich, für den Taxifahrer und für die Fahrer der anderen beiden Fahrzeuge.«
»Planmäßigen Mordversuch nenne ich das!«
»Der Tod des Taxifahrers war von Olaf nicht eingeplant, dieser ergab sich aus zufälligen Ereignissen. Die zu lenken beherrscht nicht einmal eine fortgeschrittene Sippe mit Geistesfähigkeiten wie die von Olaf. Er würde sagen, ich soll meinem Schutzengel Dank sagen, den könnte er nicht bezwingen!«
Eddi antwortet nicht, er hat seinen Kopf gesenkt. Ich spüre, wie er intensiv nachdenkt und lenke ab. »Was war denn heute früh mit Ihrem Kollegen, diesem Conny? Haben Sie handfeste Ergebnisse? Der wurde doch eindeutig durch Beeinflussung gesteuert.«
»Wir haben ersten Untersuchungen zufolge den Eindruck, er wurde wohl hypnotisch zu autogenen Handlungen aufgefordert, um Sie mit seiner Dienstwaffe zu töten! Mit seiner entsicherten Waffe, einer P229, ging er auf unsere Zimmertür zu. Da gleichzeitig unsere Leute vom LKA in den Flur kamen und ihn anriefen, kehrte er um, brach aber dann direkt auf dem Flur vor der Eingangstür zusammen. Die erste Diagnose lautet Schlaganfall, Bestätigung steht noch aus!«
»Sie glauben doch nicht etwa ernsthaft, dieser Conny wollte mich töten?«
»Das kann man nur so in Betracht ziehen!«
»Ich sage Ihnen etwas anderes, Eddi!«
»Und das wäre?«
»Anders herum wird ein richtiger Schuh daraus!«
»Was heißt hier anders herum?«
»Dieser Mann wollte allein sich selbst umbringen!«
»Und wieso wollte er zu uns ins Zimmer? Das hätte er doch auch im Flur tun oder einfach auf die ankommenden Kollegen schießen können? Das hätte ebenfalls sofort sein Ende bedeutet!«
Ich grinse ihn an.
»Eddi, Sie verstehen das nicht, weil Sie Olaf nicht kennen. Aber ich kenne ihn und weiß, was er bezweckt!«
»Ich verstehe Sie nicht, Bendit. Wie sollte das dann gehen?«
»Dieser Conny sollte sich vor meinen Augen töten. Genau so liest sich eine Rezeptur, die von einem Olaf geschrieben ist. Mir die Macht zeigen, wie er über Leben verfügen kann, um mir klar mitzuteilen, die Polizei kann mich nirgendwo schützen. Ich soll mich von euch zurückziehen und sein alter Freund bleiben.«
Eddi nickt. »Verstanden! Vielleicht sollten Sie das tun? Ich sage das jetzt als Ihr Freund, nicht in meiner Eigenschaft als Polizist.«
Ich trete dicht an ihn heran.
»Ich kenne Olaf besser als ihr. Glaubt mir! Wenn Sie näher mit mir zusammenarbeiten und mich dabei auch beschützen wollen, dann gebe ich allen den Rat, macht euch mehr Sorgen um euer Leben als um meines. Glauben Sie mir. Bevor Olaf ein endgültiges Todesurteil über mich fällt, stößt er zu meiner Abschreckung einige Polizisten vom Schachbrett. Und sicher nicht wenige!«
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