L E S E P R O B E
Des Berliner Abenteuers
erzählt von Ella zu Kalkstein
im Buch
BURNBERRYs CHAOTENWELT
Ja, die Ella. Allein ihr Name ist voll blöd. Das jedenfalls meinte Burnberry, als er sie kennenlernte. Er taufte sie Lipsticki wegen ihrer knallroten Lippen. Und beneidet hat er seine ältere Cousine. Diese für ihn blöde Tussi hatte doch das Glück in der Metropole Berlin aufzuwachsen. Ein Umstand, den auch er sich stets wünschte, nachdem sie zweimal zu Besuch in seinem Dorf weilte. Er hätte sie am liebsten erdrosselt, wenn sich sie sich in seinem kleinen Geburtsort umschaute und verlauteten ließ: „Oh Herr, lass‘ mich lieber auf der Stelle hinrichten, als mich zu verurteilen, hier ein Jahr lang leben zu müssen!“
Diese Lipsticki war zwar anders, aber ihre Gene glichen denen von Burnberry augenscheinlich. Sie machte auch oft verrückte Sachen. Heute lebt sie satt in Amerika, hat sich einen in Berlin stationierten Soldaten geangelt, nachdem sie mit ihm unzählige Male in den Läden von McDonalds geflirtet und tonnenweise Big- und Fish-Macs verschlungen, dabei Colas von Afri, Pepsi und Coce in Hektolitern abgezapft, nur um ihm den Kopf zu verdrehen. Als sie es dann geschafft hatte und mit Danny-Luke nach Frisco gezogen war, schleppten beide 246 Kilo in die Sessel der Boing. Zum Abschied ließ sie ein Notizbuch aus 1999 zurück, in dem ein Erlebnis von ihr sehr interessant zu lesen war.
„Oh, wie krass“, begannen die ersten Zeilen im Buch, „die 36 Stunden von Fidschi-Joe schaff‘ ick doch ooch und gewinne diese Berliner Trendwette von BVG-Extrem!“
BVG-Extrem?
Was ist das denn?
BVG-Extrem hatte eine einfache, aber gnadenlose Regel, denn der Kick an der ganzen Geschichte wurde eigentlich nur von drei ziemlich simplen Wettregeln bestimmt:
Regel 1, - du darfst nur mit S- oder U-Bahn fahren und dabei kein Fahrziel außerhalb des Großberliner Raums ansteuern, Bahnhöfe nur zum Umsteigen nutzen und diese niemals zur Straße hin verlassen.
Regel 2, - du bist out, wenn du auch nur ein einziges Fahrticket freiwillig für eine Fahrt auf einem Bahnhof löst.
Regel 3, - du musst mindestens 36 Stunden lang auf Achse sein, kannst die Züge beliebig wechseln, solltest aber auf jedem Bahnhof spätestens den dritten, eintreffenden Zug nutzen und wieder einsteigen.
Bei Einhaltung dieser 3 Regeln hast du schon die Wette gewonnen und erhältst ein kostenloses Tattoo von einem Stinkefinger auf deinen Arsch in einer Kiezkneipe, wenn du vorher in selbiger Kneipe zur Einhaltung dieser drei Regeln dein Ehrenwort gibst und dazu ein Notizbuch mit genauen Zeitangaben zur Kontrolle zu führen bereit bist. Ein heimliches Begleiten ihres Lovers Danny-Luke als Bodyguard lehnte sie mit dem Hinweis auf Feigheit rigoros ab!
Ella, Notiz 1 am Mo. 12.01. - 6:00 Uhr. Bahnhof Zoo. Gestärkt und halbwegs ausgeschlafen, ohne Frühstück, nur Kaffee, betrete ich die Eingangshalle. Ich bin wider Erwarten recht aufgeregt, aber voller Mumm. Komme mit einem Junkie ins Gespräch, der mir erzählt, dass auch er sich mehrmals an 'BVG-Extrem' wagte, nie 24 Stunden er-reichte und so zur Nadel kam. Ich lese die Headline der BZ:
„Berliner Verkehrsbetriebe rüsten auf!“ am Kiosk, und den Fettdruck darunter: „In 2 Jahren ist Berlin wieder frei von Schwarzfahrern“. Das steigert meine innere Unruhe.
Ella, Notiz 2 am Mo. 12.01. – 6:15 Uhr. Ich betrete eine Bahn der Linie 9, Richtung Steglitz. Start! Ich bin es nicht gewohnt, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Die vielen Menschen beunruhigen mich. Wenn sie da so eng gedrängt im Waggon stehen, erinnern sie mich an eine Legebatterie auf dem Ökohof, den meine Eltern mit mir in fernen Sommern besuchten. Meine naive Frage, warum denn die Hühner so kleine Wohnungen hätten, bescherte mir vom Bauer die erste Strafarbeit meines Lebens: Gänse stundenlang füttern. Nee, besser gesagt: Mästen!
Ella, Notiz 3 am Mo. 12.01. – 6:38 Uhr.`
Rathaus Steglitz! Es schallt barsch aus dem Lautsprecher: „Alles aussteigen!“ Befehlsartig, wie sie Uniformierte auszusprechen pflegen. Meine Bemerkung, dass man das doch auch anders sagen könnte, erntet ausschließlich misstrauische Blicke der anderen Fahrgäste. Nach kurzer Orientierungslosigkeit beschließe ich in die S-Bahn umzusteigen. Auf dem Weg nach oben begegne ich einem Bettler. Ich lese die Zeilen auf seinem Pappschild 'Gegen Aids' und werfe 2 goldene Groschen in seinen Becher. Ah, frische Luft, - endlich. Schon nach der kurzen Zeit unter der Erde fühlte ich mich fast wie ein Kohlekumpel aus dem Pott.
Ella, Notiz 4 am Mo. 12.01. – 6:42 Uhr. Apropos Pott: Die vier Pott Kaffee klingeln robust an der Blase, machen sich mit Druck bemerkbar. Ich beschließe die bahnhofseigene Toilette aufzusuchen, um erst mal Flüssiges abzulassen. Da stinkt es bestialisch, ich erkenne auch leider viel zu spät den ornamentverzierten Haufen auf dem Boden, der mich in altdeutschem Braun freundlich anzugrinsen scheint.
Ella, Notiz 5 am Mo. 12.01. – 6:50 Uhr. Ich hatte schnell entschieden, so schnell erst mal gar nichts abzulassen und lieber den Nachbarlokus aufzusuchen. Aber hier dasselbe: Der extrem beißende Geruch, der mir beim Öffnen der Tür entgegen strömt, erinnert mich an Erzählungen vom Opa über die Giftgasangriffe gegen den Franzmann im 1. Weltkrieg, die er in seinem Vermächtnis „Mein Leben für Kaiser, Vaterland und Stolz“ niedergeschrieben hatte.
Ella, Notiz 6 am Mo. 12.01. – 10:57 Uhr. Mittlerweile habe ich mich an die vollen Waggons, an die Graffitis, an die Verkäufer der Obdachlosenzeitungen und sogar auch an die mistigen Bahnsteige gewöhnt. Ich fühle mich integriert und bilde mir ein, dass man mich hier akzeptiert. Ich fahre von Frohnau wieder Richtung Süden und begrüße nun die Ein-steigenden mit einem freundlichen „Hi, guten Morgen, Deutschland!“ Erneutes Misstrauen. „Das ist ooch so eene uff uns‘re Kosten lebende Haarspange“, hör' ich einen Grufti seiner ebenso fast toten Begleiterin zuflüstern.
Ella, Notiz 7 am Mo. 12.01. – 12:17 Uhr. Ich betrete den Umsteigebahnhof Gesundbrunnen. Ein leichter Appetit versucht mich zu erobern. Ich leiste mir nun eine Bifi-Roll und dreimal Erdbeerschnüre. Die Hälfte des Wurstersatzes im Betonteigmantel fällt mir beim Entern des Wagens auf den Boden. Dabei drücke ich eine alte Dame zur Seite. Die zieht mir daraufhin eins mit ihrer 'Gala' drüber und beschimpft mich als ein asoziales Drecksweib. Als ich sie hart, aber sehr herzlich darauf hinweise, dass mein Vorname 'Knigge' ist, droht sie mir mit der Polizei. Ich kreise mit einem ringförmigen Daumen-Zeigefinger-Zeichen vor ihrem Gesicht, lasse sie einfach stehen und suche mir einen Sitzplatz.
Ella, Mo. 12.01. – 15:12 Uhr. Erstmals nummeriere ich die Notizen nicht mehr und habe Kreislaufprobleme. Das schiebe ich auf die Luft, insbesondere in der U-Bahn. Die donnert gerade in die Hochlage, um mich herum erblicke ich Tageslicht. Ich nutze diese Gunst und steige direkt am nächsten Bahnhof Nollendorfplatz aus. Dort schnappe ich die frische Luft und ziehe sie lange ein. Leider nicht lange. Der Abstand der eingehenden Züge ist hier relativ kurz. Der dritte Zug bringt mich zurück zum Bahnhof Zoo.
Ella, Mo. 12.01. – 15:32 Uhr. Es fröstelt mich bei dem Gedanken, kaum 10 von 36 Stunden hinter mich gebracht zu haben. Mehr als zwei Drittel der Zeit liegen noch vor mir. Ich studiere auf dem Bahnhof die Fahrstrecken nebst Fahr-zeiten. Die Ringbahn hat scheinbar längere Zeiten, die Züge haben auch größere Zeitabstände. Müde bin ich zum Glück noch nicht, aber mein erstes Nickerchen zum Abend hin muss in der Ringbahn sein. Ich fahre Richtung Spandau. Er steigt ein und ich sehe ihn zu spät. Schnell arbeitet er sich durch die Platzreihen, und bevor ich am Westkreuz den Zug verlassen kann, erwischt er mich dann voll. Scheiße, erstmals Fahrscheinkontrolle: Zahlemann & Söhne.
Ella, Mo. 12.01. – 17:55 Uhr. Ich habe bis jetzt nicht die erste Schmach des Erwischtwordenseins nebst Strafzahlung und Ticketnachlösen verdaut. Der Kontrolleur hatte wenig Lust auf Schreibarbeit, bedauerte mich scheinbar auch und beließ es bei der Ermahnung, als ich Ticket und Strafe be-zahlte. Dass ich ihn erst gesehen hatte, als er mit seinem dunkelblauen Jackett nur wenig entfernt vor mir stand und seine Messingknöpfe an meiner Nase kitzelten, ärgert mich maßlos. Doch ich hatte damit früher oder später gerechnet, nur nicht so früh. Mein inzwischen getrübter Blick fällt aus dem Fenster. Bahnhof Westkreuz, fast alle Leute steigen aus.
Ella, Mo. 12.01. – 18:13 Uhr. Ich weiß nicht, wie oft ich jetzt den Berliner Ring umfahren bin, mir ist inzwischen kotzübel. Meine Sitznachbarin scheint das zu merken und rückt naserümpfend von mir ab. Als sie ausgestiegen ist, versuche ich an mir rumzuschnüffeln. Aber riechen tue ich nichts, was nicht heißt, dass mir die Fahrerei nicht doch die Staunässe als Schweiß unters Hemd gedrückt hat. Der liebe Name Gesundbrunnen suggeriert mir, dass ich hier aus-steigen soll, obwohl ich auch hier schon einmal weilte.
Ella, Mo. 12.01. – 20:12 Uhr. Ich bin, glaube ich, jetzt zum vierten Mal am Startbahnhof Zoo angelangt. Es ist nun mehr notwendig etwas einzupfeifen. Dieser Bahnhof ist sehr groß. Ohne ihn verlassen zu müssen, erreicht man hier viele Imbissstände mit halbwegs annehmbaren Preisen. Nor-malerweise wird hier jedes Essen zum Risiko, selbst die Luft scheint auf dem Bahnhof vergiftet zu sein. Laut knirscht es unter meiner Schuhsohle. Bin wieder auf eine leere Spritze getreten, die sicher vor nicht langer Zeit eine Dröhnung in irgendeinen Arm abgegeben hat.
Ella, Mo. 12,01. – 20:25 Uhr. Mit zwei Brötchen, eines mit Salami, das andere mit Käse, muss sich jetzt mein Magen beschäftigen. Mir schmecken sie widerwärtig, Zunge und Gaumen musste ich durch Schnellschlucken ohne viel Kauen überlisten. Zum wiederholten Mal, ich weiß nicht wie oft schon, bugsiert mich die U-Bahn-Linie 9 durch die Tunnelröhren. Ich muss am Westhafen wieder schnell ein-steigen, zwei Bahnbeamte flanieren auf dem Bahnsteig. Gerade raus aus dem zweiten und wieder rein in den dritten Wagen. Kaum Platz im Innenbereich, so lese ich stehend über den Rücken eines direkt vor mir in der Menge eingeklemmten Mannes in dessen Zeitung. Ein interessanter Artikel über VIPs, was sie im letzten Jahr vermasselt haben und im Neuen Jahr anders machen. Ich kann leider deren dumme Sprüche, die mich zunehmend belustigen, nicht zu Ende lesen. Der Blödmann vor mir blättert zu früh um, ich schaue verärgert auf den Ansatz seiner fettigen Haare am Hinterkopf. Erst jetzt fällt mir auf, dass der kleine Mann ein Toupet trägt. „Echthaar oder farbstabile Synthetik?“, sinniere ich noch, dann dreht sich der um einen Kopf kleiner als ich messende Mann vorwurfsvoll um und mir voller Ärger in die Pupille. Ich tue so, als hätte ich ihn nicht gemeint und starre bewusst ins Leere. Dann dreht der Typ mir seine kalte Schulter zu, ich kann also nicht mehr kostenlos mitlesen.
Ella, Mo. 12.01. – 22:50 Uhr. Endlich wird‘s immer leerer in den Zügen, die Fahrgastmenge nimmt merklich ab und bei mir die Lust am Weitermachen. Ich muss jetzt doch vorsichtiger agieren. Mehr und mehr steigen jetzt undurchsichtige Typen ein und aus. Oft zum Teil zugedröhnt von Alkohol oder Drogen oder beides. Am Bahnhof Hermannstraße steige ich aus, obwohl ich auf dem Bahnhof beim Einfahren Bodykreaturen erkenne, die keinen beruhigenden Eindruck auf mich machen. Aber eine sehr dürre, uniformierte Tussi mit Nickelbrille am anderen Wagenende schaut verdächtig aus. Eine BVG-Tante? Stress zur beginnenden Nachtzeit. Soll ich doch abbrechen?
Mo. 12.01. – 23:40 Uhr. Bald ist Mitternacht. Ich bin hundemüde und lasse nun meinen Vornamen bei den Notizen weg und spare Energie für die dahin gekritzelten Buchstaben. Um wach zu bleiben, steige ich zwischen Charlottenburg und Yorkstraße sechs- bis siebenmal ein und aus, indem ich immer den nächsten, gegenüber ein-fahrenden Zug benutze. So bleibe ich auf Trapp ohne dem Körper die Chance zum Einschlafen zu geben. Am Bahnhof der Möckernbrücke spricht mich ein uriger Typ an, der so ausieht, als hätte man ihn in den Sechzigern als Ibiza-Hippie Vergessen, mit ein paar Schuss LSD auf den Horrortrip gehoben und ihn dann liegen gelassen. Ein Schmuddelbock, aber unterhaltender Öki, so Anfang Fuffzig. Ehe ich mit ihm den Bahnhof Neukölln erreiche, wo er laut anfänglichen Worten aussteigen wollte, versucht er plötzlich seine Zunge schlängelnd um meinen Hals zu wickeln. Er zieht sein rosa-rotes, mit Kräuterresten belegtes Monstrum wieder in den Mund zurück, nachdem ich ihn meinen rechten Daumen in sein linkes Auge gedrückt habe. Treuherzig guckt er mich in liebster Art aus ganz braven Dackelaugen entschuldigend an, versäumt aber nicht, mir noch kurz vor dem Aussteigen ein eindeutiges Angebot zu machen. Er lacht gequält auf, als ich mitteile, dass mein Freund ein 120 Kilo-Türke ist und erst mich, dann aber auch ihn sauber zerquetschen würde, wenn ich sein Angebot annähme. Als der Öki endlich hinter der Bahnhofstreppe verschwindet, bedauere ich zwar meine gewaltformulierende und fast rassistische Aussage, aber in Berlin gelten Türken in solchen Dingen viel konsequenter.
Di. 13.01. - 2:15 Uhr. Ich bin in der S-Bahn eingedöst. Zwischen den Stationen Lichtenberg und Friedrichfelde, reißt mich ein großer Tumult endgültig aus dem Halbschlaf. Fünf rechtsradikale Skins befassen sich mit einem jungen Pärchen aus Afrika. Zwei von ihnen bringen dem jungen Schwarzen das S-Bahn-Surfen bei. Mein feiges Zuschauen ohne Nichteingreifen bewahrt mich vor eigenen Blessuren und das schlechte Gewissen lässt mich ziemlich unwirklich grinsen. Ich bin entsetzt, als ich in meinem Wesen pure Feig-heit feststelle. Meinen geplanten Satz „Lasst eure Wixgriffel von den beiden, ihr Fachos!“ lässt mein Verstand nicht in den Mund wechseln. Ich weiß nicht, ob das klug war. Di, 13.01 - 2:25 Uhr. Bahnhof Mahlsdorf. Ich steige aus und zu meinem Entsetzen die kahlgeschorenen Kameraden auch. Zwei von denen überholen mich direkt noch auf der Bahnsteigkante und laden mich zu ein paar Bären-Pils ein. Ich würde sie sehr gerne über meine Antipathie zur Berliner Pils-Misere aufklären und das Angebot ablehnen, doch die Angst, dass sie es mir direkt auf diesem gar menschenleeren Bahnhof besorgen, siegt als Vorsichtsmaßnahme in mir.
So stimme ich sicherheitshalber mit schmieriger Larmoyanz das 'Horst-Wessel-Lied' mit an, wobei ich weder beim Text die Fahne, noch den Ton bei der Melodie hochhalten kann. So trinke ich im Sinne der schwesterlichen Brüderlichkeit so ein Halbes fast auf Ex in einem vereinten „Prost, Prost Kameraden“ mit. Der Anführer der Truppe fängt dann aber an, bei mir die Möpse und den Allerwertesten zu mustern und mir mit den Fingern scheinbar sensibel durch die Haare zu fahren. Allein ihre blonde Art und Länge erweckt in ihm „Loreley-Gedanken“ und er stößt ein sinnliches „Du süßer doitscher Wuschelkopf“ aus. Dann schaut er mir grinsend ins Antlitz und gurrt wie ein Tauber: „Bei dir geht mir ja die Flack in der Hose los!“. Bevor er endgültig gegen mich ins Manöver zieht und sein Rohr aus der Hose nestelt, gebe ich Fersengeld und springe abrupt in die gerade in die Richtung Westkreuz abfahrende Bahn. Lautes Grölen begleitet mich.
Di. 13.01. - 6:15 Uhr. Diese Zeit frohlockt, ich schaue auf meine Uhr und suche gleichzeitig die Bahnhofsuhr in der Friedrichsstraße, um sicher zu sein, dass es auch Viertel nach Sechs ist. Tatsächlich, ich atme tief durch. 24 Stunden vorbei, heute Abend um 18.15 Uhr hätte ich’s gepackt. Ich spüre, wie ein Beben durch meinen Körper geht, denn ja, ich habe die Nacht durchgestanden. Meine üppige Oberweite bewegt sich heftig auf und ab, was mich nicht irritiert.
Di. 13.01. - 7:35 Uhr. Ich war wohl erneut eingenickt, doch ein leckerer Geruch von einem frisch eingedeckten Frühstückstisch reißt mich aus den Träumen. Eigentlich hätte mich schon das Gelächter der anderen Fahrgäste wecken müssen, denn irgendwelche Schulgören haben mich mit ihren Pausenbroten tapeziert, die offensichtlich nicht ihrem Geschmack entsprachen. Eine angebissene Teewurst-schrippe klebt mir direkt an der Brust, eine Käseschnitte auf dem Oberschenkel, ein Sesamknäcke mit Häckerle auf dem Unterarm. „Welche Drecksau ...?“ brülle ich erst los, doch aufgrund meiner akuten Geldnot, verwandelt meinen Zorn relativ schnell in ein Gefühl der Dankbarkeit. Ich stapele die Schrippenteile übereinander und verlasse mit einem christlichen Lied als Pfeifton zwischen den Lippen den Waggon. Draußen auf dem Bahnhof pflanze ich mich auf eine Sitz-bank und stärke mich per Knäcke, Teewurst und Käse.
Di. 13.01. - 9:11 Uhr. U-Bahnhof Hallesches Tor. Ich erblickte mich just in dem Spiegel eines Fotoautomaten und fange fast zu weinen an. Meine Erscheinung erinnert an Nina Hagen, nachdem sie es ohne Abzuschminken fertig gebracht hat ins Bett zu fallen, um ihr Aussehen direkt nach dem Aufstehen am nächsten Morgen im Bad zu zelebrieren. Ja, kopfüber in einen Farbtopf gefallen zu sein, damit kann man mein Make-Up augenblicklich vergleichen. Ab diesem Moment fühle ich mich nun von allen Passanten beobachtet. Mein Gott, die starren mich ja alle eklig an. Ich vergesse sogar meine Vorsicht gegenüber einem düsteren Gesellen, der plötzlich vor mir steht und mich bittet, ihm für ein Ticket am Automaten einen Zehnmarkschein zu wechseln. Den Trick kenne ich: Naserümpfend verneine ich, worauf er sich auch naseschnüffelnd von mir abwendet, er niest sogar zum Abschied. Als ich wieder einen Zug bestiegen habe, bemerke ich, dass keine Leute in meiner Nähe stehen. Dass ich auch noch gruselig aus dem Mund rieche, werde ich erst später feststellen, denn das Käsebrot war mit einem stinkenden, alten Harzer belegt.
Di. 13.01. - ?? Uhr. Eine zeitlose Nachtragsnotiz. Ich habe den Faden verloren und keine genauen Aufzeichnungen mehr gemacht. Irgendwie ist bei mir im Schädel für nichts mehr Platz. Irgendwann um die Mittagszeit erwischte es mich zum zweiten Mal: Eine Kontrolleurin. Sie war gnädig, ich musste zwar wieder zahlen, aber mein Aussehen und der Gestank hatte wohl auch so eine strenge Mutter wie sie traurig gemacht und umgestimmt. Nur ein Fahrgast im feinen Blaser bezeichnet mich kopfschüttelnd als Schlampe.
Di. 13.01. - 16:20 Uhr. Endlich, ich bin wieder auf der Reihe von halbwegs ordentlich ausschauenden Menschen, hatte mich auf der Toilette am Alexanderplatz trotz Dauer-gestanks zu einer ansehnlichen Frau zurechtgemacht. Das war nicht einfach, denn der Dauerbeschuss einer wohl vom entsetzlichen Durchfall Befallenen war kaum viel länger zu ertragen. Diesmal erinnerte mich das nicht an die Erzählungen meines seligen Opas, sondern eher an meinen alten Herrn. Der erzählte uns als Kinder auch oft heroisch von seiner Lage im Schützengraben an der Ostfront im zweiten Weltkrieg, wo er als Landser den Stalinorgeln widerstehen musste. So ähnlich muss er wohl seinerzeit die Akustik wahrgenommen haben. Im Zug zwischen der Bernauer und Voltastraße passiert mir wieder ein Malheur. Ein Strohhalm zwischen den Lippen, der in einer Plastiktüte steckt, versorgt mich mit etwas Flüssigkeit, die nur weit entfernt mit Orangensaft zu tun hat. Ich verschlucke mich, huste schwer, gleichzeitig wird der Druck auf meine Blase viel zu groß. Sie reagiert wie ein Überdruckventil. Scheiße, - nun bin ich Besitzer feuchter Unterwäsche!
Di. 13.01. – 17:51 Uhr. Ich bin gerade zum dritten Mal im Schwarzfahrerdeal erwischt worden. Kurz nach Verlassen des Bahnhofs Leopoldplatz gerate ich in eine Schaffner-zange. Zwei uniformierte Fahrscheinhäscher sind je einzeln auf dem Bahnhof bei der Zugabfahrt in die beiden Türen vorn und hinten vom Wagen eingestiegen und lassen mir keinen Rückzug offen. Die Zeit bis zum Bahnhof Amrumer Straße reicht ihnen, um mich nach dem Fahrschein zu befragen. Als schließlich zum wiederholten Male meine Personalien aufgenommen sind, stelle ich fest, dass das Be-gleichen der Tickets und Strafen mittlerweile meinen Spesensatz übersteigt. Fazit: Ich kann nicht mehr bezahlen! Ich halte die beiden Kontrolleure hin, so einen dicken Bud-Spencer-Typ mit glitschigen Wurstfingern und so eine alte dünne Schlangenmuschi mit Giraffenhals. Ich ersuche noch einmal erzwungenen Aufschub, indem ich verbissen nach meinem nie existenten Ticket in allen Taschen suche. Während der Dicke weiterkontrolliert, beobachtet mich die dürre Zicke mürrisch und krächzt: „Man kann nur schlecht einen Schein finden, den man nie besessen hat!“ Eine Antwort habe ich logischerweise darauf nicht. Es kommt zum Game- Over, das Sheriffduo zwingt mich am Bahnhof Zoo aus dem Zug. Ich lache frustriert feixend in mich hinein, was auch die uniformierte Ziege bemerkt und mit Kopfschütteln quittiert. Sie ahnt ja nicht, dass ich hier an selber Stelle vor knapp 36 Stunden gestartet bin. In einem Zimmer am Bahnhof direkt neben der Reiseauskunftstelle harre ich ruhig der Dinge, die da nun kommen. Das dürre Weib lässt sich mit dem Schreiben der fetten Anzeige Zeit, während ich mein amerikanisches Herzblatt Danny per Telefon zu erreichen versuche. Danny-Luke ist schnell am Rohr und verspricht mir, sich sofort auf den Weg zu machen. Ich lehne mich beruhigt zurück und schiele auf die große Uhr über der Zimmertür: 18:12 Uhr. In drei Minuten ist der BVG-Zirkus „Extrem“ endlich ready. Gott Save die Schiene!
Ella, die letzte Notiz, 13.01. - 19.23 Uhr. Ich sitze mit gültigem Ticket zusammen mit Danny-Luke-Schnucki im Zug nach Tegel. Ich brauche Ruhe und Kraft. Das geht am besten zu Hause im Bett zu zweit. Uns gegenüber in der U-Bahn sitzen zwei Schwule und haben gerade schnell mal mit ihren Zungen die Lippen des anderen sauber geleckt. Für mich eigentlich kein Problem, dennoch starre ich den einen der beiden wohl zu aufdringlich an. Unbewusst, denn in meinem Schädel schwirren Erlebnisse der letzten eineinhalb Tage unsortiert umher. Trotzdem nehme ich wahr, dass der schwule Typ mir die Zunge herausstreckt. Meine Lippen bewegen sich, meine Zunge schiebt sich heraus und streicht genüsslich von links nach rechts und zurück. Ich sehe, wie die Tunte mir gegenüber ein breites Grinsen aufsetzt und seine Gedanken über mich als Diskriminierungstante ablegt.
Ich zucke nochmal mit den Schultern, lächele zurück, lecke meine Lippen ab und lehne mich gemütlich zurück.
Später wurde bekannt, dass sich Ella nach Vorlage des Notizbuches und der Anerkennung eines erfolgreich abgeschlossenen BVG-Extrem keinen Stinkefinger auf die Backe ihres Allerwertesten tätowieren ließ, sondern sage und schreibe eine Kakerlake. Die wurde so platziert, dass der optische Eindruck entstand, diese würde sich aus dem Spalt zwischen ihren Arschbacken herausschlängeln. In diesem Fall ein Eindruck, der ihr später viel Publikum an den Strän-den Kaliforniens einbrachte. Denn wenn sie im Tanga auf dem Bauch am Strand lag, verschärfte sich der Eindruck mit der Kakerlake noch. Ihr Schnucki hatte alle Hände voll zu tun die Gaffer zu verscheuchen, was ihm aufgrund seiner muskelösen Körperfülle auch gelang.
Bleibt noch ihr Fazit aus dem Notizbuch: Sie schrieb, dass sie Folgendes gelernt hätte: Glatzenköpfe sind oft grausam, Bären-Pils schmeckt wie Abgestandenes, die Berliner Ver-kehr Betriebe bieten oft ein prächtiges Sammelbecken für Sadisten, Chaoten, Gutmenschen und Fixer. Ex-Hippies sind geil, Ökis noch mehr. Eine vollgepuschte Hose ist oft schön warm, später aber unerträglich kalt. Die Werbung sagt die Wahrheit, wenn sie behauptet, die neue 'Bifi-Ranger' haut den allerstärksten Geier um. Das war’s wohl.
Ach nein, - ein Satz war an den Rand gekritzelt: Die Rotschmierekulturen im Harzer Roller stinken bestialisch!
Adieu Berlin, bei Dir kann’s nur besser werden!
Mit lieben Gruß aus alten Zeiten: Ella zu Kalkstein = Bettina Kerstan