Originalthriller aus Norddeutschland
    (Leseprobe)

Besuche ohne Wiederkehr

© 2022 BK-Hamburg AQ Betty

Rund 30 Jahre hatte Kevin sie nicht mehr gesehen, - die Lea. Dieser Name, sinnbildlich „Löwin“, passte zu ihr, denn mental war sie wirklich so. Aber ein männlicher Löwe! In der Grundschule sprachen alle immer nur von der „wilden Lea“. Sie war ein „Tomboy“; so nennt man Kinder, die schon in jungen Jahren das Gefühl haben, im falschen Körper zu stecken. Lea wollte immer ein Junge sein und benahm sich auch so. In der Grundschule bekam so mancher Junge von ihr stark „die Hucke voll“, wenn einer ihr zu dumm kam oder sie plump anzumachen versuchte. Dazu kam, sie hasste die Jungen schlechthin, weil sie nun körperlich keiner war. Als Lea eines Tages mal wieder einen Jungen so richtig auf dem Schulhof viele Kopfnüsse verpasst hatte, wurde sie nicht nur vom Rektor abgemahnt, nein, der setzte noch eine medizinische Anmaßung drauf und sprach bei ihr seither stets vom „Lea-Syndrom“.

Mit anderen Mädchen verband sie keinerlei Freundschaften und bei den Jungs pflegte sie nur wenige Freunde, einer davon war Kevin. Der präsentierte sich weder als Raubein, noch spielte er sich als besonders mutigen Helden auf, seine Stärken waren Mathe und ein stets logisches Taktieren. Ob das der Grund für Leas Verhalten gegenüber Kevin war? Sie schätzte ihn, - warum wusste keiner. Doch die beiden sah man sehr oft zusammen, auch später auf dem Gymnasium. Das Studium trennte dann ihre Wege, weil er BWL und sie Humanmedizin studierte. Jahre später, kurz bevor sie beide ihr Studium absolvierten, trafen sie sich im Bus in Köln. Zufall, denn zu dieser Zeit hatte es Kevin geschafft, einen Studienplatz an der Uni zu bekommen, während Lea mit der Art und dem Ablauf ihres praktischen Jahres im Stadtkrankenhaus haderte. Jedoch, beide umarmten sich und quatschten, lachten und schäkerten sogar zusammen. Dabei zischten sie locker einige Biere am Kiosk die Kehlen runter. Ja, vielleicht wären sich beide noch viel nähergekommen, plötzlich aber hatte sie keine Zeit mehr, wollte unbedingt los, und schon war sie weg!

Und das war’s dann schon für die beiden.            

Viele Jahre sind seither vergangen. Eines Tages, Kevin wohnte nach seinem Studium in einer WEG in Köln und wollte sich am Abend mit einer neuen Freundin treffen, die ihn aber versetzte und nicht kam, verbrachte er den Abend allein in der Altstadt, um gegen 16 Uhr in einer urigen Kneipe zu landen, wo er sich dort einen „Halve Hahn“ reinzog und genauso sich das leckere, obergärige „Kölsch“ bei guter Stimmung schmecken ließ. Ja, und so startete eigentlich die furchtbare Geschichte, die sein ganzes Leben verändern sollte.

Nur zwei Tische weiter saß seine alte Freundin Lea, die „wilde Löwin“ von damals. Anfangs hatte er sie nicht erkannt,  denn sie unterhielt sich mit einer Freundin, welche sich gerade erhoben hatte und scheinbar von Lea zu verabschieden gedachte. Spontan stand Kevin auf, da er bemerkte, dass auch sie gehen wollte. So baute er sich direkt vor ihr am Tisch auf und sprach sie an:

»Hi, Lea! Darf ich dich einladen, - da zu mir an meinen Tisch zu kommen?«

Sie schaute zu Kevin hoch und musterte ihn eingehend, während sein Arm noch immer steif auf den Tisch deutete. Überrascht schien sie nicht zu sein, wahrscheinlich, so glaubte er, hatte sie ihn schon beim Eintreten in das Lokal vor gut einer halben Stunde erkannt. »Hi Kev«, so wurde er in alten Schulzeiten oft gerufen, »toll, dass es dich noch gibt!?«

So richtig konnte Kevin mit der Begrüßung nichts anfangen, er ließ sich aber gar nichts anmerken und erwartete ihre Antwort. Einen Moment zögerte sie, stand auf und winkte ab. »Sorry, nee! Ich bin noch verabredet, habe wenig Zeit und muss den Termin einhalten!«

»Oh, schade«, hauchte er ihr hinterher, worauf sie plötzlich doch noch stehenblieb. »Okay, warum eigentlich nicht?«, nickte sie, »etwas eng, der Zeitkanal, aber es könnte gehen. Besuch‘ mich doch heute zuhause!« »Wie denn, heute Abend noch?«, fragte er. Sie lächelte frostig. „23 Uhr, ist’s zu spät?« Er überlegte nur kurz. »Ja, na gut, und wo?«

Sie kam zu ihm zurück und zückte ihr rosa Handy. Schnell hatte Kevin ihr seine Nummer gegeben, genauso fix schnurrte ihr Apparat mit dem Sound: „Love Is A Battlefight“. Kevin sah, wie ein Grinsen über ihr Gesicht huschte, was offensichtlich ein seltener Fall bei ihr war. »Geiler Sound, Kev!« Ihre Augen waren schmal, als sie versuchten, tief in die Seele von Kevin einzudringen, - dann drehte sie sich um. »Ich melde mich heute noch«, rief sie. Kevin setzte sich wieder an den Tisch und sah ihr nach. Er schaute auf die Uhr und war beruhigt. 19:30 Uhr, er hatte noch viel Zeit bis zu jenem Erlebnis, das er nie vergessen wird.

20:15 Uhr. Nachdem Lea das Bad verlassen hatte, sank sie erschöpft auf die Couch in dem Wohnzimmer. Bewegungslos starrte sie zum Fenster hin und entdeckte auf dem Balkon im 6. Stock des gegenüberliegenden Wohnblocks einen jungen Mann, der nackt seine beiden Hände zu den Wolken streckte. Es regnete in Strömen, die Tropfen klatschen ihm prall auf den schlanken, muskulösen Körper. Er schrie kurz ein paar belanglose Worte in den Himmel, welcher ihm wolkenverhangen ein düsteres Gesicht zeigte. Langsam veränderten sich die Gesichtszüge bei Lea. Nur ein smartes Lächeln sollte es werden, jedoch zwecklos, ihr ganzes Gesicht erschien versteinert. Keine Bewegung in ihren Lippen, sie waren nicht in der Lage nur eine einzige Regung zu vollziehen. Ihre Augen reagierten aber und verformten sich zu engen Schlitzen. Dann plötzlich verschwand das Bild vom Haus auf der Gegenüberseite. Natürlich! Denn dort drüben im Wohnblock, da lag einzig ihre Wohnung. Und sie saß im Wohnzimmer von der Wohnung jenes Mannes, den sie eben drüben auf dem Balkon zu sehen glaubte. Lea hatte im Wachzustand geträumt. Natürlich, so oft geschah das bei ihr. Irgendetwas erfasste sie regelmäßig in zeitlichen Abständen. Doch was? Sie konnte, wie immer, keine Antwort auf diese quälende Frage finden.

Und draußen ist auch nichts an Regen zu verspüren, und da auf der anderen Seite am Häuserblock ihrer Wohnung existiert auch kein Balkon. Aber hier, diese Wohnung hat einen. Und nur hier hatte sie diesen nackten Jüngling gesehen. Allerdings von dort drüben, von ihrer Wohnung aus. Und das geschah gestern! Endlich gelang ihr ein Lächeln, jetzt, wo sie wieder klarzusehen schien. Doch alles all das verformte sich zu einem hämischen Grinsen, ihr Gesichtsausdruck spiegelte Wirres wider. Ihr kurzes Auflachen besaß einen derartigen widerlichen Unterton, der sie verschreckte.

Warum? Wegen der vergangenen Stunde? Nun ja, sie war arg zur Sache gegangen, so unerschrocken mit reiner Lust ihrem stetig im Hirn erwachenden Herzenswunsch gefolgt. Ihr Lächeln wurde von seltsamen Falten im Gesicht durchsetzt, dieser ganze Ausdruck auf der Haut machte einen verstörten Eindruck. Drogen? Keinesfalls. Sie hasste dieses Zeug, es stieß sie ab. Ihre Augen wanderten unruhig vom Fenster weg und hefteten sich an die Decke des Zimmers. Die kleine Fliege, welcher es gerade gelang den Platz an der Unterseite des Lampenschirms zu besetzen, saß nun als dunkler Fleck auf der hellen Farbe der Decke. Diese nahm Lea kaum wahr, dafür aber das leichte Pendeln der an einer Kordel hängenden Deckenlampe. Sie ahnte es, es begann wieder der Wechsel in eine völlig andere Zeit, in einen anderen Raum, in eine ganz andere Ewigkeit. Sie konnte dem Beginn eines solchen Trips nie entgehen. Es stieß ihr bitter auf, sie musste das böse, brennende Etwas aus ihrer Kehle entfernen, und so rotzte sie es vor sich auf die Tischglasplatte. Das Eklige nahm sie nicht in sich auf, stellte nur das Brennen in ihrer Kehle fest. Langsam schloss sie ihre Augen, wurde mehrmals von einem Aufstoßen und Rülpsen belästigt. Jetzt war der Kopfschmerz wieder da, genau wie am Anfang ihres Besuches hier in der Wohnung. Sie versuchte den Kopf sanft zur Seite auf die Couchlehne zu legen, was ihr auch gelang. Dann stürzte das Dunkle über sie hinein, es dauerte kaum eine Minute, bis aus ihrem Mund fürchterliche Schreie erklangen. Sofort erbrach sie sich und hatte Glück, in den folgenden, weiteren Minuten nicht daran zu ersticken. Kraftlos schlug die linke Hand auf den Boden, ohne dass ihr Körper dabei von der Couch abrutschte. Danach erfüllten seltsame Geräusche den Raum. Es klang so kläglich, wie ein Stöhnen und Wimmern. Oder schien sie in realer Welt fast bewusstlos zu weinen, wobei sie sich selbst irgendwo ganz anders erlebte?

Sie war nur kurz geistig weggetreten. Als sie erwachte, musste sich Lea in einem dunklen Wohnzimmer zurechtfinden. Nur wenig Licht von draußen fiel in das Zimmer, erhellte ihre Umgebung. Sie richtete sich auf, gleichzeitig umfassten ihre Finger die oberen Bereiche an ihre Schläfe. Im Kopf stach es sehr heftig, die Schmerzen waren schier unerträglich. Wo sind hier in der Wohnung helfende Tabletten? Sie raffte sich auf und wankte ins Bad. Diese Tür war weit offen und die Luft stank fürchterlich. Deshalb eilte sie zum Badezimmerfenster und öffnete es weit. Sie lehnte sich hinaus, blickte satte sechs Stockwerke in die Tiefe. Ein fetter Speichel zwängte sich durch ihre Lippen, sie schaute zu, wie sich der dicke Klumpen ihres Schmands nach unten bewegte. Als sie beide Hände vom Fensterbrett löste, war ihr sofort schwindlig und sie stürzte direkt neben das Klo auf den Boden. Mühselig zog sie ihren Körper in die Höhe, während sich ein Fluch aus ihrem Munde selbständig machte. Sie blickte in das grünfarbige Klo, zog sich flugs ihre Jeans und die Unterhose herunter und hockte sich über die Klobrille. Dabei musste sie nun unfreiwillig in die Badewanne schauen. Jedoch nur kurz, denn sie wollte den Inhalt nicht sehen. Jeder normal veranlagte Mensch hätte sich bei dem Anblick erbrechen müssen. Sie aber nicht, der Anblick löste einen weiteren Fluch bei ihr aus, als würde sie über den Inhalt schimpfen. Dabei spürte sie die Schmerzen im Hirn, ihr Blick fiel auf den Badezimmerschrank an der Wand. Während die Spülung noch lief, zog sie sich am Badewannenrand hoch und blieb schwankend direkt vor der Wanne stehen. Als sie sich dann umzudrehen versucht, kam es fast noch zum Debakel, gerade noch so konnte sie sich am Wannenrand abstützen und verhinderte damit einen Sturz ihres gesamten Körpers in den so ekligen Inhalt der Wanne. Sodann schien sie zu überlegen, was sie denn gerade wollte. Ihre Kopfschmerzen löschten die Erinnerungslücke und sie wühlte im Hängeschrank. Ein Großteil des Inhalts stürzte in das Waschbecken. Dann endlich hielt sie eine Schachtel Schmerzmittel in der Hand, riss es gierig auf und stopfte sich drei Zäpfchen in den Mund. Lea bückte sich zum Wasserhahn am Waschbecken, lauwarm floss das Wasser in ihren Mund. Als sie ihren Kopf wieder erhob, wurde ihr sofort abermals schwindlig, sie stürzte nochmal lang auf den Boden. Und direkt vor ihren Augen am Boden lag es noch immer und gab ihr einen Teil der Erinnerung zurück: Ein langes Küchenmesser. Es war rot eingefärbt und zeigte Stückchen an der Klinge, die wie Erdbeergelee ausschauten. Mühselig kroch sie keuchend auf allen Vieren und versuchte sich angestrengt wieder am Wannenrand hochzuziehen. Als ihr das gelang, verharrte sie und beäugte den Inhalt in der Wanne. Sie überlegte angestrengt, wie dieses Schlamassel darin zu entsorgen ist. Unter dem Befehl eines teilnahmelosen Hirns warf sie nun einen verächtlichen Blick in die Badewanne, zuckte mit den Schultern und wankte durch die Badezimmertür, die hinter ihr krachend ins Schloss fiel. Als sie die Küchentür erreichte, ging sie in die Hocke und atmete schwer. Dann hielt sie in der Stille inne, da sie eindeutige Geräusche vor der Wohnungstür zur Treppe hin zu hören glaubte. Sie stoppte sogar ihren Atem und lauschte konzentriert. 

Plötzlich klingelte es an der Wohnungstür, sofort schien ihr Körper zu Stein zu erstarren. Sie rührte sich keinen Millimeter vom Fleck, ihr Blick fiel zurück auf die gerade geschlossene Tür zum Badezimmer. Das Messer! Gerade als sie sich erheben wollte, erklang eine Stimme vor der Wohnungstür: »Skin, hier ist Rosa! Kannst du mir die Tür aufschließen? Ich habe den Schlüssel unten im Auto gelassen.«

Die Pupillen von Lea kullerten im Kreis, sie war aufgeregt, weil sie zeitnah absolut keine vernünftige Lösung parat hatte. Dabei ließ sie der Kopfschmerz noch heftiger leiden. So blieb sie hilflos im Flur stehen und gab keinen Mucks von sich. Wieder hörte sie die Frau. »Skin! Skin!«, schreit es vor der Tür, »was ist denn, pennst du?«

Wieder Stille. Und schließlich bemerkte Lea, dass die Frau vor der Tür offensichtlich ihr Ohr an die Holzfüllung presste, um intensiv in die Wohnung zu lauschen. Jedenfalls glaubte sie das, weil Tastgeräusche an der Tür verlautbar wurden. Dennoch rührte sich Lea nicht, stand weiterhin stocksteif im Wohnungsflur.

»Fuck, Skin! Du liegst wohl lang? Mensch, Skin! Du hast wieder wie 1000 Mann gesoffen, oder?« Da wieder keine Antwort erfolgte und Lea sich weiterhin lautlos verhielt, gab diese Frau, die sich Rosa nannte, vor der Tür auf. »Ich fahre herunter und hole den Schlüssel aus dem Auto, du verdammter Säufer!«

Lea hörte auf dem Flur nach kurzer Zeit, wie sich auf der Treppe die Tür zum Lift öffnete und wieder schloss. Dieses Miststück holt den Schlüssel und kommt hier rein, schoss es ihr durch den Kopf. Einfach weglaufen könnte sie, aber das geht der Zustände wegen hier in der Wohnung keinesfalls. Zuerst muss die Sauerei aus dem Bad weggeschafft werden. Das Fluchen auf der Straße war von dieser Rosa nicht zu überhören, bis sie dann endlich den Schlüssel im Ablagefach ihres Pkw fand. »Einen Eimer voll mit eiskaltem Wasser füllen«, schimpfte sie verärgert vor sich hin, »ist das Erste, was ich oben tun werde. Und das Zweite wird dann ein sehr kaltes Erwachen sein, das schwör‘ ich dir, Skin!«

Kurz darauf verschwand sie wieder im Haus, holte den Lift herunter und fuhr zurück hoch in den sechsten Stock. Im Treppenflur steckte sie an der Tür den Schlüssel ins Schloss und sperrte auf. Ein beißender Gestank drang ihr sofort in die Nasenlöcher, während sie das Licht im Flurbereich der Wohnung anknipste. Ihre Stimmung war unterirdisch, unbewusst hielt sie sich die Nasenlöcher zu. »Skin! Liegen hier mit dir Schnapsleichen herum? Was ein Gestank hier, meine Güte!«

Da ihr lautes Rufen unbeantwortet blieb, stand sie erst zögernd und unbeweglich in der Flurmitte. Hinter ihr knallte die Wohnungstür ins Schloss, während sie sich umschaute und feststellte, dass beide Türen vom Schlaf- und Wohnzimmer offenstanden, jene zum Bad und Gäste-Klo waren geschlossen. Natürlich führte der Weg von Rosa sofort in das Wohnzimmer, wo sie an der Tür vorsichtig in das Dunkel lugte. Hier vermutete sie Skin. Ihr Augenpaar fokussierte sodann im Zimmer intensiv die schattenhaften Umrisse der Couch mit dem davorstehenden, weggeschobenen Tisch. Da nur das Licht der Flurleuchte in das Innere im Wohnzimmer matt eindrang, trat sie ein und betätigte den Lichtschalter. Ohne Resultat, da ging kein Licht an. Offenbar ist hier auch die Deckenlampe kaputt. »Ist hier überhaupt was in Ordnung?«, grollte sie vor sich hin und tastete sich in Richtung Fenster, da sie dort die Stehlampe erkannte. Unter ihren Schuhsohlen knirschte es, - feinstes Glas.

»Mann!«, fluchte sie, »der Chaot hat sogar auch die Glühbirnen zerkloppt. Was ist denn bloß in den gefahren? Hoffentlich hat er keinen Big Speed gesnieft oder sich seit langer Zeit mal wieder die Nadel gegeben. Clean ist der Arsch doch noch immer nicht!« Sie kramte in den Jackentaschen nach dem Haustürschlüssel, weil an ihrem Schlüsselring eine kleine Laserlampe hing. Und schließlich schüttelte sie mit ihrem langen, braunen zum Pferdeschwanz gebundenen Zopf den Kopf hin und her. Verdammt, den habe ich sicher in der Wohnungstür stecken gelassen, überlegte sie. Also zurück und die Tür geöffnet. Genau da steckte draußen der Schlüssel, sie zog ihn ab und schaltete die kleine Laserlampe an. Vor dem Wohnzimmer fraß sich der Strahl hellblau in die Dunkelheit. Zuerst erkannte sie, Skin lag nicht auf der Couch, wie sie vermutet hatte. Dafür bemerkte sie einen Fleck auf dem Tisch, der widerlich stank. Beim näheren Hinsehen wandte sie sich ab, Ekel überfällt sie.

»Der hat Blut gekotzt, dieser abgesoffene Leinensack!« Sie ließ den Laser noch ein wenig in dem Zimmer kreisen, dann ging sie zurück in den beleuchteten Flur. Gerade als sie sich der Tür vom Schlafzimmer zuwenden wollte, hörte sie ein undefinierbares Geräusch. »Skin?« Vorsichtig tastete sie sich an die Tür zu dem Schlafzimmer und langte dort mit der Hand um die Ecke zu dem Lichtschalter. Sofort durchflutete ein helles Licht, welche die drei Deckenstrahler erzeugten, den Raum. Auf der Stelle verfing sich der Blick von Rosa im Doppelbett, die Bettbezüge verrieten ihr, hier haben Personen geschlafen ohne ihre Augen zu schließen, und die Gläser auf dem einen der beiden Nachttische verrieten das Übrige. In Rosa stieg Hass und Wut auf, konfus öffnete sie unsinnigerweise sämtliche Türen zu dem Kleiderschrank, worin natürlich niemand war.

»Welche Hure hast du hier bewirtet, Skin? Wo bist du, verdammt noch mal! Wo bist du?« Wütend verließ sie das Schlafzimmer und riss die danebenliegende Tür zum Bad auf. 

Ihre Blicke rotierten nur Sekunden, dann wurde Rosa förmlich durch den so grässlichen Anblick der schwimmenden Teile in der großen Badewanne auf dem Boden festgenagelt. Der Schreck fror ihre Glieder ein und ein heftiges Zittern startete in der Brust, durchzog ihren Körper bis zu den Zehen, dann wich sie mit weit aufstehendem Mund zurück. Rosa drehte sich um, taumelte in den Flur zurück. Ohne den Willen es verhindern zu können, muss sie sich übergeben. Wie ein Ventil, das stark unter Druck stand, stürzte es wie ein Schwall aus ihr heraus, das eben Gesehene konnte sie nicht richtig verdauen. Grausames stand als Bild vor ihr im Hirn, schnürte ihr die Kehle zu, sie will schreien. Geht nicht! Also nur noch raus, raus, raus! Als sie die Wohnungstür öffnen wollte, stellte sie mit Entsetzen fest, die ist plötzlich zugeschlossen! Leider konnte sie sich gar nicht konzentrieren, so fiel es ihr schwer sich daran zu erinnern, ob sie diese Tür zur Treppe selbst vorhin zugeschlossen hatte. Hektisch wühlte sie in ihren Jeanstaschen, drehte sogar das Futter in der Aufregung nach außen. Nichts. Sie war ratlos. Hatte sie den Schlüssel nicht innen stecken gelassen? Oder eingesteckt? Sie eilte wie von Sinnen, völlig durcheinander, in das Wohnzimmer zurück. Da hatte sie mit dem Laser am Schlüsselbund geleuchtet. Rosa stand nun konfus fast in der Mitte des Wohnzimmers und bemerkte nicht einmal die Schmerzen an ihrem Schienbein. Sekunden zuvor hatte sie sich an der Kante vom Tisch beim hastigen Eintritt gestoßen. Wortlos ging sie langsam auf das Fenster zu. Rosa war nun kraftlos, presste beide Hände vor das Gesicht und weinte hemmungslos. Kurz darauf war es der frische Wind, der ihr Gesicht streifte, ihre Hände vom Gesicht ablassen ließ. Es schien, ihr Unterbewusstsein teilte mit, dieses Fenster war vorhin nicht geöffnet. Ihren Körper drehte sie im gleichen Moment um die eigene Achse, als auch die Wohnzimmertür zuschlug. Nun ist es wieder völlig dunkel, das Flurlicht besaß keinen Einlass mehr. Die Stille kehrte ein, kein Laut machte sich breit, und Rosa versuchte in dem Dunkel des Raums etwas zu erkennen. Lichter vom gegenüberliegenden Wohnblock sowie von untenstehenden Laternen drangen nur spärlich ein und ihre wässrigen Augenlider ließen sie nur wenig Konkretes erkennen. Ihr Blick drehte sich und absolvierte eine Runde von Wand zu Wand. Dann plötzlich zuckte ihr Körper zusammen, es war so, als hätte sie ein Blitz getroffen. Da stand doch jemand, oder?

Ja, eindeutig.

Einen Schatten als Kontur hatte ihr Blick genau erfasst. Die Silhouette einer Person war es, oder nur Einbildung? Stand ihr dort jemand gegenüber in der anderen Ecke des Zimmers? Rosa sagte nichts, rührte sich nicht. Aber ihre Augen wandten sich nicht vom Schatten ab. Das hielt sie aber keine Minute durch, dann schlüpfte ein Wispern durch ihre Lippen, kaum hörbar: »Skin!? Skin, bist du das? Sag‘ was!« Keine Antwort.

»Skin, was hast du nur im Bad gemacht?« Wieder keine Antwort.

»Skin, sag‘ doch was! Ich schweige doch!« In einem Zimmer im sechsten Stock am Haus gegenüber ging ein helles Licht an, helle Lichtfetzen drangen an Rosa durch das Fenster vorbei, erhellten das schattenhafte Gebilde. Leider zu wenig, um etwas zu erkennen, aber hell genug für das kurze Aufblitzen der Reflektion einer glatten Stahlklinge. Rosa war hilflos, konnte damit nichts anfangen, denn sie vermutete Skin in der Ecke. Er war es natürlich nicht, denn dort stand nur eine Person: Lea! Sie ließ im Halbdunkel stehend, ohne auch nur eine einzige Regung vorzunehmen, Rosa auf sich und die Messerschneide zukommen.

»Skin? Sei lieb!« Rosa schlug das Herz bis unters Kinn hoch. »Ich komm‘ jetzt zu dir hin,« hauchte Rosa ängstlich, »ich liebe dich!« Es waren ihre letzten Worte. Eine messerscharfe Schneide spaltete ihre Haut am Hals vom Brustansatz bis hoch zu Kinn und spaltete dabei den Kehlkopf von Rosa. Ihr Körper glitt an Lea herunter und faltete sich leblos vor deren Füße.     

22:15 Uhr. Eine halbe Stunde später befand sich Lea wieder im Badezimmer und saß auf dem Rand der Wanne. Sie musste aufpassen, dass sie nicht vor Müdigkeit einschlief. Der schlimme Kopfschmerz hatte nachgelassen, aber ihr war noch immer übel. Sie betrachtete die sich in der Wanne inzwischen verdoppelte Menge des furchtbaren Schlamassels und spuckte da rein, als sie das Bad verließ. Das Flurlicht brannte noch immer, vorsichtig ging sie zuerst in das Schlafzimmer und löschte das Licht. Dann ging sie zurück ins Wohnzimmer und trat auf den Balkon hinaus, lugte vorsichtig nach unten.

Nichts war dort auf der schmalen Straße zu erkennen, deshalb ging sie zurück und steckte den Haustürschlüssel von innen ins Schloss. Als wäre nichts vorgefallen, legte sie sich auf die Couch, starrte im Dunkel an die Decke und überlegte angestrengt einige Minuten. Als sie sich wieder erhob, fühlte sich sehr viel besser. Handlungsbereit mit festem Vorhaben! Allein diese Feststellung holte bei ihr das widerliche Grinsen zurück. Ihr Weg führte in die Küche.

Dort erstrahlen die Wandlichter hell an den braunen Fliesen über der Spüle. Die Küchenart ist ziemlich gleich mit ihrer eigenen Küche im gegenüberliegenden Wohnblock, da sämtliche Mietwohnungen zu derselben Baugesellschaft gehörten. Sie ging zielbewusst zum äußeren Schrankteil hinter der Küchentür und öffnet sie. Dahinter verbarg sich eine große Klappe, die seitwärts leicht zu entriegeln war. Es ist ein Müllschlucker, der wohl auch funktioniert. Das Schild ‚Bitte nicht zur Nachtzeit benutzen!‘ war genauso montiert wie in ihrer Küche drüben im Block. Sie lächelte hämisch in sich hinein und spuckte satt in den Schacht.

Bald hatte sie im Küchenschrank unten auch eine Müllsack-Rolle gefunden. Jeweils einen der blauen Kunststoffsäcke schnürte sie sich um ihre Handgelenke, ging ins Bad und griff behände in die Wanne. Sie begann langsam die Badewanne zu entleeren, vom schmierigen roten Brei zu befreien. Den Inhalt stopfte sie vorsichtig in die Müllsäcke, jede Handvoll ging klatschend in den Sack. Zwischendurch aber musste sie immer wieder pausieren und neuen Sauerstoff tief am geöffneten Fenster tanken, weil die Luft bestialisch roch und nimmer lange auszuhalten war. Und dann, körperlich fix und fertig, streckte sie im Flur alle Viere von sich. Der Wanneninhalt war nun in den großen Müllsäcken verstaut. Über den Flur schleppte sie diese zur Küche, dort stürzten sie ohne ein hörbares Poltern im Mauerschacht in die Tiefe. Als der letzte Sack seine Reise in den Keller angetreten hatte, säuberte sie äußerst penibel das Bad und räumte Wohn- und Schlafzimmer auf. Dann entkleidete sie sich und stieg sofort genüsslich unter die Dusche. Das tat sie sehr ausgiebig, sehr sorgfältig, und es entstand der Eindruck, auch die Vergangenheit der letzten Stunden versuchte sie abzuwaschen.

In der Küche richtete sich ihr Augenmerk auf die Wanduhr, 22:45 Uhr. Lea benutzte den Lift nicht, sondern ging langsam und ziemlich leise die sechs Stockwerke herunter. Ihr Weg führte sie in den Keller, wo jetzt alle Müllsäcke im zweiten Auffangbehälter lagen. Sie räumte diese Säcke in den vierten Behälter um, der sämtlichen Müll von den anderen Wohnungen auffing. Den direkten Hauseingang nutzte sie auch nicht, nein, ihr Ziel war der rückwärtige Ausgang zu dem Spielplatz der Kinder auf dem Hof. Drei Hoftüren weiter durchquerte sie den Häuserblock und trat erst dann auf die Straße.

Nach wenigen Minuten erreichte sie ihren Wohnhausblock auf der anderen Seite, fünf Minuten vor 23 Uhr betrat sie wieder ihre eigene Wohnung. Diese durchquerte sie direkt bis zum Wohnzimmerfenster, schaute herüber zum sechsten Stock jener Wohnung, die sie am Abend betreten und eben verlassen hatte. Die Finsternis in ihrem Wohnzimmer beließ sie und setzte sich in den Sessel am Fenster. Ein breites Lächeln spiegelte ihr Gesicht wider. Dann ist er wieder da! Ihr skurriler Vorstellungswahn. Sie sieht ihn da auf dem Balkon. Die wahnsinnige Erinnerung ist gegenwärtig. Genauso wie gestern: Knackig, nackt und muskulös. Ein herrlicher Manneskörper! Ein Lächeln begleitet ihre murmelnden Worte: »Ich liebe dich Skin, und vergiss diese Rosa, ich hab' sie gelöscht wie Dich, als Du mich ausgelacht hast. Männer wie Du werde ich kriegen und tilgen, wo auch immer ihr jetzt seid.«

21:55. Jemand klingelte unten am Hauseingang. Boshaft lächelnd erhob sich Lea. Das musste Kevin sein...

Text bereitgestellt von Janine Atzert