Am Ende stirbst Du allein

Leseprobe aus dem Thriller von Martin B. Dante

Kolumbien, Cartagena

In Johns Gedanken spukte die monotone Einrichtung seiner gepanzerten Zelle, in der er nun seit Tagen eingesperrt war. Besonders nachts, wenn er versuchte zu schlafen, bekam er das Bildnis der Stahlwände nicht aus dem Hirn raus. Zwar mangelte es ihm nicht an einer ziemlich gesunden Ernährung, denn vorzügliches Essen wurde dreimal am Tag serviert, aber viel mehr außer einem bequemen Bett hatte diese triste Stahlkammer nichts zu bieten. Auch um seine Verletzungen wurde sich beispiellos gekümmert. Fremde Männer, in weiße Kittel gesteckt, versorgten ihn täglich mit heilenden Medikamenten, verabreichten ihm Injektionen, um Schmerz und Entzündungen zu mildern. Die sinnlosen Versuche, den vierstelligen Code an dem Kubus ähnlichem Gehäuse einzugeben, der den Weg durch die Stahltür freigab, beendete John frühzeitig. Tiefgründig überlegte er, wie es Rebecca ging. Ob sie in seiner Nähe weilte und in einer ähnlichen Zelle wie er gefangen war? Rebecca hatte es schlimmer erwischt, aber er war so glücklich darüber, dass er sich in ihrem vermeintlichen Abgang zum Sensenmann geirrt hatte.

„Idiot“, schimpfte er sich mehrmals selbst. Aber aus jenem Irrtum schöpfte er neue Kraft und Hoffnung. Rebecca war wohl die einzige Person, die einer gemeingefährlichen Frau wie Mira die Stirn bieten könnte. Unter seiner Bauchdecke begann es merkwürdig zu kribbeln, wenn er an Rebecca dachte und das tat es inzwischen häufig. Das Verliebtheitsgefühl schwand, als der Kubus grün blinkte und die Panzertür nach oben zischte und im Schlitz der Decke verschwand. John rechnete mit dem Abendessen, aber stattdessen fand er Gonzales in der Türschwelle.

„John Winter – mitkommen“, klang die Stimme eintönig wie aus einem visuellen Gerät kommend. Der Amerikaner erhob sich, schon bereit zum Aufbruch, da warf ihm Gonzales eine Tüte an die Brust, die John gerade so auffing. „Mira möchte, dass Sie diesen Anzug tragen. Er müsste passen.“

„Und wenn ich mich weigere?“

„Verspielen Sie nicht Ihre einzige Chance, diese Zelle lebend zu verlassen, Mr. Winter!“ Das klang mehr als einleuchtend. Während John sich rasch umkleidete, beobachtete er Gonzales wuchtige Pistole. Das war ein großes Kaliber, welches bei Fehlverhalten für absolut tödliche Wunden sorgen konnte. Gonzales brauchte ihn nicht darauf aufmerksam zu machen. John hob die Arme, um zu testen, ob ihm der prächtige Anzug passte.

„Sitzt wie maßgeschneidert“, bestätigte ihm der bewaffnete Mann. „Kommen Sie, Mira hat zum Dinner geladen!“ lockte ihn Gonzales.

„Kann ich mich bitte einmal im Spiegel ansehen? Ich speise nicht gerne, bevor ich mich nicht selbst am Kopf betrachten konnte. Gewohnheit“, tat John unschuldig. Gonzales zupfte am Kragen des weißen Hemds, welches noch nicht die perfekte Position innehatte.

„So passt es besser. Die Gelegenheit, sich zu mustern, werden Sie in der Empfangshalle haben.“

John starrte nun durch einen röhrenähnlichen Flur, ganz in weißem Naturbelag beschichtet. Es erinnerte an futurischste Tunnel, durch die spezielle Magnetbahnen in Höchstgeschwindigkeit rasten. Für John war die Umgebung fremd, weil er auf dem Hinweg mit einem zugeschnürten Tuch über dem Kopf eingeliefert wurde. Er erinnerte sich daran, wie schlecht er unter dem Stoff Luft bekam. Als sie die nächste Ecke passierten, standen sie vor einer weiteren Stahltür. Auch hier blinkte der Sensor des Kubus, der daneben integriert war.

„Hochmodern, der Laden. Wo bin ich hier eigentlich?“

Gonzales aktivierte den Zugang mit seiner Universalkarte, während er Johns Frage beantwortete. „In Cartagena an der karibischen Küste. Genauer gesagt in Miras Laboratorium. Einem riesigen Forschungsgelände!“

„Und nach was wird hier geforscht?“

Gonzales bewegte seinen Mund so, dass der wellenähnliche Bart sich hob.

„Diese Fragen kann Ihnen sicher Mira persönlich beantworten.“ Dann lugte der Mann durch die Stahltür hindurch.

„Frau Sandra Carnby. Haben Sie sich bereits umgezogen?“

„Ja, einen Augenblick noch“, klang es aus der Zelle gedämpft. Gonzales hatte die notwendige Geduld, lehnte sich mit dem Rücken an die kalte Wand, direkt neben dem Eingang. Als Sandra um die Ecke huschte und sich die Träger des Kleids nochmals an den Schultern richtete, visierte sie John an.

„Hi Sandra“, begrüßte er sie kurz angebunden. Er versuchte ein Lächeln, weil sie momentan das gleiche Schicksal teilten, doch sie hielt nicht viel von seinem Willkommen. Wütend schmierte sie ihm eins über die Wange.

„Drecksschwein. Dir haben wir das alles zu verdanken“, fluchte Sandra.

John rieb sich über die erhitzte Gesichtshälfte.

„Verdammt Sandra. Kannst du nicht ein einziges Mal mir gegenüber ein ganz normales Verhalten zeigen? Was soll das jetzt?“

„Normaaal?“, keifte Sandra. „Mich hat man bereits zweimal gegen meinen Willen eingesperrt und in Orangefield niedergeschlagen. Ich will jetzt meine Tochter sehen und musste in einem Flieger gefesselt neben der irren Rebecca Chaparro sitzen. Und da sprichst du gottverdammter Idiot von Normalität!?“

„Hör‘ jetzt auf so rumzuschreien. Das ertrag‘ ich nicht. Auch ich möchte unsere Tochter wiedersehen. Aber dazu brauchen wir Rebecca. Nur sie kann uns hier rausholen. Sie hat die Seiten gewechselt. Vertrau mir doch, Sandra.“

Die blickte fassungslos in sein Antlitz. Ihre Augen wanderten hektisch von links nach rechts, weil sie seinen Worten nicht glauben konnte.

„Niemals. Diese Frau hat Melanie und Oliver auf dem Gewissen. Schon vergessen?“ „Vergessen nicht, aber verziehen. Und bitte, ich muss dich jetzt korrigieren. Dany hatte damals Melanie getötet, nicht Rebecca.“

Dafür erntete er eine weitere, heftige Ohrfeige.

„Das ist dafür, dass du die kleine Schlampe noch immer mit Kosenamen titelst und das blonde Roboterweib in Schutz nimmst. Da kann man sich nur fremdschämen – krankes Arschloch…“

John musste tief einatmen, um sich zu beherrschen. Sandra hatte keine Ahnung, was hier tatsächlich vorging. Na, hoffentlich klärte Mira sie auf, dachte John und schwieg deshalb besser zu dem ganzen Geplänkel.

„Können wir dann endlich?“, fragte Gonzales fast höflich, aber genervt.

„Sicher, entschuldigen Sie die Emotionen meiner Ex-Frau“, versuchte der Amerikaner das letzte Wort zu behalten. Es gelang ihm nicht.

„Mieses Arschloch!“, schimpfte Sandra und folgte Gonzales. Nach wenigen Minuten erreichte das Trio das gläserne Haupttor, welches Forschungsbereich von Privatvilla trennte. Ein letztes Mal surrte der Apparat, als Gonzales die Karte horizontal durch das Gehäuse zog. Die Tür öffnete ihre Pforten, die sich lautlos auseinanderfalteten. Der Mann in Smoking und Sonnenbrille wies mit seiner Hand in den riesigen Aufenthaltsraum.

„Sandra Carnby, John Winter – willkommen in Miras Villa.“

Sandra hielt den Mund geöffnet. Sie konnte nicht einmal richtig denken, war in dem Reichtum des Foyers gefangen. Alleine der glänzende Boden mit den Maori-Malereien musste Zigtausende gekostet haben. John entdeckte den vorhin erwähnten Spiegel und richtete dort seine Kleidung und seine Haare. Er fand, dass er in dem teuren Anzug eine gute Figur machte. Sandra schloss zu ihm auf. Das erste Mal hatte sie nicht im Sinn, ihn zu beleidigen.

„John, wer ist das?“

Er folgte ihrem ausgestreckten Finger und entdeckte ein sehr großes Bild in wunderbare Ölfarben gehalten. Miras Abbild, wie Gott sie schuf. Obwohl John inzwischen nichts als nur Verachtung für diese Frau hatte, musste er dem fremden Künstler, der das schuf, seine größte Anerkennung aussprechen. Das Gemälde entsprach einer wahren Meisterleistung.

„Mein Gott – ist das noch Kunst oder Pornografie?“, weckte Sandra John aus der perfekten Beschaffenheit des nackten Körpers, der in realer Athletik dargeboten wurde. John blinzelte sich aus seinem gedanklichen Gefängnis frei.

„Weder noch, Sandra. Das ist die Wurzel alles Bösen. Komm, wir wollen unsere Gastgeberin nicht warten lassen.“

Per Aufzug ging es rauf in den ersten Stock. Gerne hätte John die Treppe benutzt. Alleine wegen des prunkvollen Geländers, das eine riesige Python darstellte und kunstvoll geformt und konstruiert war.

„Das alles nennt Mira ihr Eigentum?“, wollte John wissen. Gonzales drehte sich nur kurz nach seiner Frage um. Ein seichtes Schmunzeln verbarg er unter seinem Oberlippenbart. John deutete dessen Gestik als Zustimmung. Oben angekommen führte ein gläserner Steg wie eine Brücke zu dem angrenzenden Gebäude. Sandras Schritte wurden langsamer als sie nach unten in blühendes Panorama einer bezaubernden Gartenanlage nebst Pool und Terrasse blickte.

„Guck dir das an John. Wahnsinn…“

John nahm sie an der Hüfte, führte Sandra weiter, bis zu Gonzales hin, der bereits am Ende der Brücke stand und mit verschränkten Armen wartete. Er hatte Geduld mit seinen Gästen. John kaute nachdenklich an seiner Unterlippe. Über wieviel Reichtum und Macht verfügte Mira? Anscheinend hatte sie sich hier in Kolumbien ein gewaltiges, kriminelles Imperium aufgebaut. In welcher Branche überall ihre Machenschaften aufblühten, mochte sich John gar nicht vorstellen. Als er an seine Tochter Emily dachte, malte sich John gedanklich Bilder aus, wie er diese Mira besiegen konnte. Aber die Farben verwischten, denn diese Kraft hatte er sicher nicht. Diese einflussreiche Mira Tristany besaß unglaubliche Macht, fern seines Vorstellungsvermögens. Sie war ein Feind, den er nicht besiegen konnte. Wieder dachte er an Rebecca. Und da trat es abermals von seiner Bauchdecke hinauf – ein merkwürdiges, angenehmes Kribbeln. Jetzt war es Sandra, die John um die Elle packte und ihn aus seiner Träumerei aufweckte. Gonzales hatte sich bereits wie ein Pförtner vor einer antiken, weißen Holztür aufgestellt. Er entriegelte den dahinter befindlichen Speisesaal und bat einzutreten. Sandra und John kamen aus dem Staunen nicht mehr raus, denn der gesamte Raum umfasste mindestens an die hundert Quadratmeter. Zur Westseite hin stand eine Balkontür geöffnet, die in einer der vielen Gärten führte. Der frische Duft einzelner Blüten drang bis in den Saal rein. Der hellweiße Marmor an Boden und Decke glänzte unverkennbar, spiegelte wie mit Wachs boniert. In der Mitte prangte ein rechteckiger Speisetisch, an dem zwölf Personen Platz fanden. Aber nur fünf Stühle waren ohne Kissen und Decken dekoriert. Dort lud Gonzales seine Gäste zum Verweilen ein.

„Bitte, nehmen Sie hier Platz. Ich werde Mira informieren, dass Sie bereits warten. Einen Augenblick Geduld noch.“

Gonzales verschwand durch eine weitere Tür in nördlicher Richtung. John beobachtete die freien Stühle. Das waren vier jeweils freiliegende Sitzplätze am Ecktisch und das Kopfende. Weil er wusste, wer dort am Kopfende sitzen würde, setzte er sich gleich zwei Plätze weiter von dort entfernt hin. Er hatte keine Lust neben Mira zu sitzen. Die Stühle boten einen sehr angenehmen Luxuskomfort, stellte der Amerikaner fest. Sandra schlich zur Balkontür, fasste den vergoldeten Rahmen und blickte auf die mannshohen Hecken und das wunderschöne Ambiente aus Kalkstein, Pflanzen und Brunnenanlage. Ob sie hier einen Weg nach draußen fand? Die Frage erübrigte sich schnell. Kaum hatte Sandra einen Fuß auf den steinernen Pfad gesetzt, klang das Laden einer Maschinenpistole. Sandra zuckte, als ihre Augen den Mann in ganz schwarzer Kleidung erfassten. Dann beobachtete sie, wie die Abenddämmerung mit ihren rosaroten Fingern den Westen streichelte.

„Wie schön es hier ist“, lenkte Sandra ab und huschte in den Speisesaal.

„John – was läuft hier eigentlich?“

Der sog tief Luft in die Lungen, bereit Sandra alles ausführlich zu erläutern, was er bis dato über Mira wusste. Rebecca erwähnte er nur am Rande. Er war noch nicht bereit Sandra zu offenbaren, dass sie sich liebten.

Zur gleichen Zeit, nur wenig von ihnen entfernt, arbeiteten die geschickten Hände von Paul Rasmus in Perfektion, sein Hammermeißel ränderte Kerben heraus. Mit dem Scharriereisen konnte er feine Hautpigmente formen, wie die Muskeln und Sehnen. Sein Blick wanderte wechselnd von der fast fertigen Skulptur zu der vor ihm nackt posierenden Mira rüber. „Das geht ganz schön tief in die Knochen, dieses stundenlange Stehen. Beinahe fast so anstrengend wie mein regelmäßiges Training“, liebäugelte Mira ihrem Paul zu. Der grinste in seinen Vollbart rein.

„Du hast den leichteren Part, Schatz. Ich muss mich in doppelter Hinsicht konzentrieren!“

„Ach ja? In doppelter Hinsicht?“

„Ist doch klar – ich kann mir keinen Fehler erlauben, sonst ist deine in Stein gemeißelte Schönheit dahin. Ich darf mich ferner auch von deiner wahrlich erotischen Ästhetik nicht hinreißen lassen, damit ich dich nicht gleich an Ort und Stelle vernasche! Verstehst du das?“

Mira fächelte ihm ein breites Grinsen zu. Es verschwand in Windeseile, als Gonzales die Tür hereinplatzte. Ihr linker Arm fand an der Schulter halt, damit sie ihren blanken Busen mit der Elle verdecken konnte. Den Schritt musste sie mit ganzem Griff der anderen Hand verschleiern. Ihr böser Blick traf den Mann mit Ringelbart. „Verdammt, Gonzales – kannst du nicht anklopfen?“

Der blieb von ihrem bloßen Anblick unberührt, bewahrte seine Ruhe, die ihn auszeichnete.

„Verzeihung, Mira. Aber ich dachte, du würdest dich wie gewöhnlich in deinem Büro, einen Raum weiter entfernt, aufhalten. Sonst hätte ich den Anstand gehabt nach Einlass zu fragen.“

Mira nickte. „Ja, schon gut. Was gibt es so Wichtiges?“

Gonzales tat unschuldig, hob beide Arme empor.

„19:00 Uhr. Deine Gäste – sie warten im Speisesaal auf dich…“

Mira verzog die Lippen. Sie hatte tatsächlich diesen Termin verpasst. Ihre Zunge wanderte am Gaumen entlang, während sie darüber grübelte.

„Ach ja. Wie die Zeit vergeht, wenn es am schönsten ist. Paul – wir müssen unsere Arbeit nach hinten verschieben. Die Gäste sind wichtig, wie du weißt…“

„Aber sicher, Liebes“, antwortete Paul der Blondine, als sie ihre starre Haltung löste und im Nachbarraum verschwand. Auch Paul wollte aus den Arbeitsklamotten raus und hatte das Bedürfnis sich umzukleiden. Aber vorher schlenderte der provozierend an Gonzales vorbei. Er konnte Miras rechte Hand nicht leiden. Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Paul Rasmus nutzte das eiskalt und ziemlich frech aus. „Scheiß Timing, Arschloch!“

Unter Gonzales Sonnenbrille rührte sich ein Zucken, als ob ihm eine Fliege über die blanke Haut gekrabbelt wäre. Die kräftige Hand von Gonzales packte blitzschnell zu. Am Oberarm geheftet, riss er den Mann mit Vollbart vor sein Antlitz. Paul war sofort in die verbale Offensive gegangen, um einem heftigen Faustschlag zu entgehen. Er starrte ihn provozierend an.

„Na los, du Aushilfsgangster. Tu es. Schlag mich. Lass deinen Zorn freien Lauf. Ich schwöre dir, danach wird Mira dir die Fresse einschlagen. Genauso wie sie es bei deinem jämmerlichen Neffen getan hat!“

Gonzales hielt inne. In ihm brodelte es einem Feuer speiendem Berg gleich. Aber er bewahrte die Ruhe. Auch wenn er nicht wusste, warum und woher dieser Paul Rasmus plötzlich so verändert auftrat. Er hatte ihn als schüchternen Einzelgänger kennen gelernt, den Mira unter ihre Fittiche genommen hatte. Inzwischen wusste Gonzales, dass sein Boss ihn für die Erziehung der zwei Mädchen Aurelia Tanner und Emily Carnby benötigte. Hierin machte dieser Rasmus einen hervorragenden Job, das hatte Mira festgestellt und das musste auch er eingestehen. Aber was Mira darüber hinaus an ihm fand, das sorgte für Fragezeichen im Kopf von Gonzales. Weil er darauf keine Antwort fand, lockerte er den Griff, und stieß sein Gegenüber von sich weg.

„Gehen Sie sich umziehen. Mira mag es nicht, wenn jemand zu spät zum Dinner kommt.“ Mit diesen Worten lenkte er ab, als sei nichts gewesen.

Paul Rasmus fühlte sich danach grenzenlos wohl. Denn wenn er bereits das ranghöchste Mitglied der Chimära in die Schranken weisen konnte, wer sollte ihm jetzt noch Einhalt gebieten?

„Das wird noch ein Nachspiel haben, Mr. Gonzales. Vielleicht machen Sie Ihren Job als Koch besser? Ich werde mal mit Mira drüber sprechen müssen. Wir sehen uns beim Dinner. Und Tschüss!“

Gonzales hatte registriert, dass seine Hand instinktiv nach dem Griff seiner Pistole fasste. Er musste aufpassen, seine Reaktionen waren gefühlsgesteuert.

Sandra schenkte John ihr Ohr, als sie sich gegenübersaßen und er wie aus dem Nähkästchen plauderte. John schwieg abrupt, weil er das Geräusch der sich öffnenden Tür in seinem Rücken vernahm. An Sandras Gesichtsausdruck erkannte er, wer auf der Bildfläche erschien, denn dort vollzog Mira ihren Einmarsch und tanzte wie ein Model ihr Becken sehr verführerisch unter dem hauchdünnen und edlen Kleid hin und her. Sandra bewunderte nicht nur ihren Auftritt und ihren Körper im hellweißen Outfit, sondern auch ihr immenses Selbstbewusstsein. So eine Darbietung hätte sie selbst gerne in ihrem Job als Leiterin des Vertriebs hingelegt. Miras Finger waren mit Pauls verbunden, aber sie gab den Ton an und es wirkte, als ob sie ihren Geliebten hinter sich herzog. Um deren Aufsicht kümmerte sich Gonzales, der sich eine Ecke aussuchte, von der er alles gut im Sichtfeld hatte. Dort blieb er aufrecht stehen und kreuzte die Arme hinter den Rücken versteckt. Mira löste sich von Pauls Hand, streckte dieselbe über die Fläche des gedeckten Tischs, direkt zu Sandra hin.

„Wir haben einander noch nicht vorgestellt, Frau Sandra Carnby. Ich bin Mira Tristany und heiße Sie in meinem bescheidenen Heim willkommen!“

Sandra erhob sich und streckte nun ebenfalls den Arm zu Mira hin. Aber ihr Handschlag wirkte gegen das feste Zupacken von Mira bedauernswürdig.

„Ja, freut mich sehr“, log Sandra, „vielleicht klären Sie mich gleich auf, was mit mir und meiner Tochter geschehen soll…“

„Zunächst nur, dass Sie sich wieder setzen und im Anschluss vorzüglich speisen werden“, murmelte Mira, alles Weitere können wir danach bei einem Gläschen Wein genau diskutieren. Ich freue mich wirklich mit Ihnen bei einem auserlesenen Jahrgang plaudern zu dürfen, Frau Sandra Carnby.“

„Ach ja?“, wirkte Sandra jetzt verunsichert. Miras Erscheinung und Johns Erzählungen über diese mysteriöse Frau hatten sofort Wirkung gezeigt. Sandra bewunderte Miras imposante Muskelpartie. Aber sie fürchtete sich auch vor der ungeheuren Kraft, die sich darunter verbarg. Ihrem bärbeißigen Ex-Mann John hatte bisher nur eine Frau mit bloßen Händen niedergerungen. Und das war die kranke, tätowierte Killer-Blondine Rebecca Chaparro.

„Mein Lebenspartner, Paul Rasmus“, stellte Mira ihren Geliebten vor. Paul nahm Sandras Handrücken und küsste den mit Verbeugung gentlemanlike ab.

„Miss Carnby – es freut mich Sie kennen zu lernen“, sprach er im höflichen Ton. John begrüßte er mit einem desinteressierten Kopfnicken.

„Angenehm“, führte Sandra einen Knicks ihrer langen Beine durch. Paul setzte sich neben Sandra, so dass er Mira auf Tuchfühlung begegnete und sie an der Hand berühren konnte. Die hatte es sich, wie von John vermutet, direkt am Kopfende des Tischs bequem gemacht. Nur neben John und schräg zu Mira war noch ein freier Platz. John war es, der Mira darauf ansprach.

„Mira – gehe ich richtig in der Annahme, dass auch Rebecca noch unsere Anwesenheit teilen wird?“

„Ganz richtig. Mein Spezialgast wird in Kürze eintreffen. Mal sehen, wie ihr das von mir bestellte Outfit steht?“ Sie drehte sich zu Gonzales und sprach ihn an. „Gonzales, warum ist Rebecca noch nicht da?“

„Müsste jeden Moment eintreffen. Ich habe bereits nach ihr rufen lassen!“

Augenblicklich knarrte die antike Holztür. Zwei bewaffnete Wachen traten ein, zwischen ihnen in der Mitte trat Rebecca ein. Sandra hatte nur kurz hingesehen, senkte sofort das Haupt, rieb sich die Augen und knirschte durch ihre Zähne. „Wie ich diese Frau verabscheue!“

Ganz anders John. Er starrte wie völlig benebelt auf seine Flamme. Rebecca kleidete nur ein knapper, in Türkis leuchtender Bikini. Ihre Schritte gaben auf dem blanken Marmor keinen Laut von sich, weil sie keine Schuhe trug.

John drehte sein Haupt zu Mira hin. „Ist das nicht ein wenig überzogen?“

Mira hatte die Ellenbogen auf den Tisch gelehnt. „Oh, keinesfalls, John. Sag´ bitte nicht, dass Rebecca dir nicht in diesem Aufzug gefällt? Sieh sie dir an! Diese bildhübsche Frau. Schmale Taille, endlos lange Beine, dieser natürliche, große Busen, trainierte Schultern und scharfe Bilder feinster Tätowier Kunst.“

John schwieg und widmete sich erneut Rebecca, denn Mira hatte in allen Aufzählungen recht. Rebecca sah umwerfend aus. Sein Blick weidete sich an der Schönheit vom Platinblond, welches wie schimmernde Sonnenstrahlen glänzte. Rebecca bemerkte es und lächelte ihm als Antwort verliebt zu.

„Darüber hinaus muss ich gewisse Sicherheitsvorkehrungen treffen. Eine Rebecca Chaparro ist listig und mit Vorsicht zu genießen. Alle versteckten Gegenstände, in oder unter ihrer Kleidung könnten verheerende Folgen für uns und meiner Crew haben.“

„Da gebe ich ihnen recht!“, dominierte Sandra kaum hörbar.

Von John kassierte sie deshalb einen strengen Blick. Als Rebecca neben John Platz nahm, glitt sie ihm mit den Fingerspitzen einmal von rechts nach links über die breite Schulter, küsste ihn sanftmütig auf die Wange, ohne ein einziges Wort abzugeben. Diese innige Berührung ihrer vollen Lippen gefiel natürlich dem Amerikaner.

Sandra konnte es allerdings nicht fassen, sie war perplex. „Sag´ mal, spinnst du? Wie kannst du dich von der küssen lassen?“

Rebeccas tiefe Stimme ließ Sandras Nackenhaare aufrichten. Diesen tiefen Ton, hatte sie nie vergessen, aber immer versucht zu verdrängen.

„Hallo Sandra – ich freu´ mich auch, dich seit so langer Zeit wieder zu sehen. Wie ist es dir ergangen? Scheinbar gut, oder?“

„Fick dich, du Bestie. Frag´ so etwas lieber die vielen unschuldigen Menschen, die du ermordet hast!“, zischte Sandra. Am liebsten hätte sie der leichtbekleideten Blondine direkt in das Gesicht gespuckt.

„Hast du den Edward Masters auch umgelegt? Los, beantworte mir das, du blonder Mob?“, schrie Sandra kraftvoll. Ihre Wangen röteten sich stark.

„Nein, nein! Das war ich“, konterte Mira, „und bitte, Sandra. Hören Sie auf rumzuschreien. Davon bekomme ich Kopfschmerzen und schlechte Laune. Und stellen Sie das Diffamieren von blonden Frauen ein. Lassen Sie uns bitte in vernünftiger Lautstärke den Diskurs ausführen. Aber jetzt…“

Mira klatschte kräftig in die Hände, schon schwang das Haupttor auf. Vier Kellner schlichen lautlos an den Tisch und servierten köstliche Speisen auf glänzenden Silbertabletts. Die edlen Servierboxen aus Metall waren heiß. Es dampfte, als die Kellner die Hauben öffneten und den schmackhaften Inhalt sichtbar machten. John lief das Wasser im Munde zusammen. Als er Rebeccas Magen knurren hörte, suchte er unter dem Tisch nach ihrer Hand und drückte sie fest. Mira bemerkte das und sprach Rebecca mit Betthäschen-Stimme an.

„Hunger, Rebecca?“

Rebecca blieb ihr die Antwort nicht schuldig und erwiderte dem drohenden Blick Miras mit bösartigen Schlitzen ihrer sonst grazilen Augen. „Ja, ich habe einen Mordshunger!“

Miras rehbraune Augen funkelten. „Dann iss tüchtig, damit du wieder zu Kräften kommst. Morgen wirst du sie sicher noch brauchen!“

„Darauf kannst du dich verlassen Mira. Ich habe dir vor vielen Jahren die Warnung ausgesprochen, mich nicht zu hintergehen!“

„Wir werden sehen, Schätzchen“, sie rief dem Kellner zu, „den Wein bitte!“

Der Kellner war so schnell an Miras Seite, John dachte schon, der würde sich aufgrund seines Schuhwerks auf dem glatten Boden langlegen. Mit einem weißen Handschuh servierte er Mira, indem er den rötlichen Inhalt bis zu einem Viertel in ihr Glas schüttete. Mira hob ihren Arm, um es schräg vor die weiße Tischdecke zu halten. Als sie den granatroten Farbton sah, schwenkte sie das Glas um den Alkoholgehalt zu prüfen. John beobachtete das Schauspiel skeptisch, Paul entlarvte Johns Unkenntnis und Rebecca starrte eisern auf Paul, weil dem scheinbar irgendetwas auf den Lippen hing, John zu denunzieren. Mira lenkte den Arm unter die Nase, damit sie den Geruch des Weins inhalieren konnte. Ein weiteres Schwenken und sie roch wiederholt dran, um das Aroma zu filtern. Als sie fündig wurde, nippte sie am Glas und kostete ein Schlückchen. Langsam bewegte sie die flüssige Köstlichkeit im Mund, wobei sie den gesamten Gaumen benetzte. Jetzt verlor John endgültig seine Geduld.

„Und Mira? Schmeckt der Wein oder taugt er nichts?“

Doch Mira war viel zu sehr mit dem Genuss beschäftigt, deshalb gab Paul Rasmus ein Resümee über Johns schlechte Manieren und Weinkenntnis ab.

„Um einen Wein bewerten zu können, John Winter, unterzieht man ihn einer Testphase aus vier Schritten. Natürlich können Sie das nicht wissen, aber man lernt ja nie aus“, grinste Rasmus den Mann mit Augenbinde an.

„Wissen Sie, mein lieber Paul. Ich weiß nicht, wie Sie als kleines Kind den Mülleimer verlassen konnten?“ John wirkte ausgeglichen. „Aber wissen Sie, ich ziehe ein kräftiges, herbes Pils jedem Wein vor. Sie wissen, was ein Pils ist?“

Paul kreiste mit seiner Zunge über die Schneidezähne. „Ich habe gehört, Sie waren als Rausschmeißer tätig. Das ist ja ein überaus interessanter Job mit sicher großartigen Zukunftsperspektiven, nicht wahr?“

„Die Perspektiven eines Rausschmeißers lernst du gleich kennen“, ballte John die Fäuste. Mira sprang hilfeleistend ein, weil sie mit dem Wein zufrieden war und dem Kellner zugenickt hatte, ihn jetzt zu servieren.

„Meine Herren, bitte ein wenig Ausgeglichenheit. Wir wollen doch hier nicht noch die Schwanzlängen vergleichen!“

„Da hätte dein Paul ganz schlechte Karten und würde im wahrsten Sinne des Wortes den Kürzeren ziehen“, zeigte nun Rebecca Zähne. Diese Antwort überraschte Mira, sie verstummte und verscheuchte ihr kurzes Unbehagen.

„Ach, wirklich?“ Mira fuhr eine Stufe herunter und beäugte ihren Paul liebevoll und John eher kritisch. Doch sie richtete sich in eine Position auf, die allen zeigte, wer der Boss war und die Zepter der Befehlsgewalt trug. Die strahlende Hoheit des Königsamtes leuchtete aus ihrem Gesicht wie die Sonne selbst: „Esst, meine Lieben. Für manche von Euch wird dies die letzte Mahlzeit sein, приятного аппетита“, was so viel bedeutete wie Guten Appetit.

Sandra war nicht wohl, trotz der ziemlich großen Auswahl an herzhaften Köstlichkeiten. Sie aß nur wenig von dem in Meerrettich eingelegten Seelachs und rätselte darüber, ob John es tatsächlich nochmal mit dieser Rebecca Chaparro getrieben hatte. Der Dialog vor wenigen Minuten spukte noch in ihrem Kopf und schien keinen Ausgang zu finden. Wie konnte er nur so ein Schwein sein? Als John genüsslich sein Bier kostete und zwei volle Teller leerte, traf ihn ihr verachtender Blick.

Rebecca hingegen konnte anscheinend viel mehr vertilgen, so verzehrte sie eine dritte und vierte Portion und war die letzte der Anwesenden, die das Dinner beendete. Den letzten Bissen spülte sie mit einem Schluck aus Johns Bierglas herunter. Gesättigt legte sie ihre gefalteten Hände über ihren Bauch und rieb sich drüber. Fragend wurde sie von John angestarrt.

„Was?“, lehnte sich Rebecca entspannt zurück, winkelte die Arme an ihren Hinterkopf und schaute John an. Der schüttelte den Kopf bei seiner Antwort.

„Verflucht, Beccy. Du kannst ja mächtig ausmerzen. Scheinst den Magen eines Raubfischs zu haben?!“

„Mira sagte doch, ich soll ordentlich zulangen. So kann ich sie morgen leichter umlegen, sofern sie fair antritt!“

Die Frau mit den hell blondierten Strähnen wirkte unbeeindruckt. Sie winkte die Kellner herbei, um das restliche Essen zu entfernen. Einer der Dienerschaft legte eine goldene Schatulle auf ihre Tischdecke. Mira öffnete den Gegenstand, zog eine noble Zigarre heraus und klemmte die sich zwischen die roten Lippen. Paul reichte ihr in charmanter Weise Feuer und Mira begann zu paffen, während sie kritisch Rebecca einnebelte und beäugte.

„Jetzt können wir zum wesentlichen Teil des Abends übergehen. Die Kommunikation. Mit vollem Magen lässt sich das einfacher handhaben.“ Mira hatte sich mit dem Kaiserstuhl einen halben Meter rückwärts bewegt, schwang ein Bein über das andere und blies den grauen Dunst in die Höhe.

„Und obgleich eure erste Frage die wichtigste ist, so wird sie gleichzeitig in ihrer Wirkung sehr abschreckend sein.“

„Wo sind die Kinder?“ Rebecca kam mit dieser Frage Sandra zuvor.

Mira wies mit ihrer Zigarre auf Rebecca. „Bingo! Sehr scharfsinnig, Beccy!“ Sie drehte ihren Blick zur Decke und knurrte „Bildschirm ein!“

Wie von Geisterhand schloss sich die Balkontür, verdunkelten sich die Lichter und eine Trennwand fuhr im surrenden Geräusch aus der Decke runter. Alle Augen waren auf das Bildnis konzentriert, welches auf die übergroße Leinwand projektiert wurde. Man erkannte eine Außenaufnahme in einer der benachbarten paradiesischen Gartenanlagen. Unter der Aufsicht eines Trainers und einer Wache führten fünf Jungen und drei Mädchen Schlagübungen durch. Darunter waren auch Emily und Aurelia. Sandra keuchte emotional, während John und Rebecca ganz reserviert die Beobachter spielten.

Sie fokussierten sich auf den Coach im gestreiften Trainingsdress, der viele Übungen mit dem Schlagarm vormachte, dem die Kinder einheitlich folgten. Alle hatten diesen inhaltlosen Gesichtsausdruck.

Weil es Aurelia an Authentizität mangelte, quittierte Mira das mit einem affektierten Lächeln. „Aurelia ist noch nicht so weit, bisher scheut sie noch das intensive Training. Ist aber alles eine Frage der Zeit, bis auch sie mir nicht mehr die loyale Gefolgschaft verweigert. Emily hingegen stellt das krasse Gegenteil da. Mit ihrem Ehrgeiz und ihrer Fähigkeit zu lernen, ist sie die beste Wahl im Kreis meiner Nachfolge!“

Sandra kullerten Tränen aus den Augen. „Ich will zu ihr. Emily braucht mich doch. Bitte, Mira, lassen Sie mich Emily in den Armen halten.“

„Vergessen Sie es, Sandra. Für Emily und Aurelia seid ihr bereits tot.“

Rebecca verfolgte mit nachdenklicher Miene ihre Aurelia. Mira zwang sie dazu, eine Killermaschine zu werden und Rebecca erkannte, dass ihre Tochter keinen Spaß daran hatte und regelrecht frustriert reagierte. Das fiel auch dem Trainer auf, der seine Vorübungen beendete und Aurelia anbrüllte.

„He, was macht der Wichser mit meiner Tochter?“, drohte Rebecca mit geballter Faust. Sie sah, wie in der Hitze des verbalen Gefechts, Aurelia zurück polterte, was der Trainer überhaupt nicht akzeptierte und ihren Ungehorsam mit einer Backpfeife quittierte. Rebecca sprang erzürnt hoch.

„Mira, ist das etwa Training, wie du es dir vorstellst? Mädchen zu schlagen ist das Allerletzte! Lass mich raus, ich mach‘ diesen fiesen Sadisten fertig!“

Mira fasste sich mit dem Zeigefinger unters gehobene Kinn. Ihr gefiel diese Attacke ihres Trainers ganz und gar nicht. Sie hatte zwar Härte und Disziplin gefordert, aber nicht in dieser Form. Sie nickte Rebecca zu.

„Nicht nötig, Rebecca. Ich kümmere mich persönlich darum. Ihr passt auf meine Gäste auf, ich bin gleich wieder da“, befahl sie streng.

Sie riss die Balkontür auf, verschwand durch die Gartenanlage stolzierend, während sich Rebecca auf den Bildschirm konzentrierte und John zuflüsterte: „Pass‘ auf, mein Pirat. Gleich wissen wir, wie weit die Mädels entfernt sind.“

Auch John starrte nun eisern auf den Bildschirm und hoffte, jede Sekunde würde Mira dort in Erscheinung treten. Die Sekunden verstrichen und Rebecca zählte in sich hinein. Doch es dauerte zu lange, denn Mira war erst nach drei Minuten auf der Leinwand zu sehen.

„Was hast du vor, Beccy? Wolltest du die Kinder besuchen? Ihnen zeigen, dass wir noch am Leben sind?“ Rebecca grübelte. „Nein, vergiss es einfach, nicht der Rede wert“, und sie streichelte ihn über die Brust. Sie richteten ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Leinwand. Emily strahlte über beide Ohren, als sie Mira entdeckte. Am liebsten wäre sie aus den Reihen geflitzt und wäre Mira um den Hals gefallen. Aus Respekt vor dem harten Trainer, den alle nur Smoker titelten, stellte sie ihr Vorhaben zurück und winkte ihr nur kurz zu. Zu oft hatte sie dieser Smoker angebrüllt und nur deshalb fürchtete sie ihn. Aber Emily hatte einfach viel zu viel Schreckliches durchlebt, um sich auch nur im Geringsten vor dem Trainer echt zu fürchten. Das führte natürlich dazu, dass er sie noch öfter anschrie und härter rannahm. Jedoch machte das Emily nichts aus. Hart angepackt zu werden, vor allem während des Abendsports, gefiel ihr so wie die ganze abendliche Ausbildung. Besonders dann, wenn der tiefblaue Himmel sich über sie spannte und im Westen indigofarbene Konturen annahm, die, getupft mit Wolken, prächtige Formen bildeten.

Mira stellte sich breitbeinig vor ihrem zukünftigen Killerkommando auf, verschränkte die muskulösen Arme. Smoker fragte Mira, ob alles in Ordnung sei. Von leichter Nervosität gezeichnet, kaute der auf seiner in Mund hafteten Zigarette. Er wollte schon den Grund ihres unangemeldeten Besuchs wissen.

„Sie sollen Liegestützen üben!“, ordnete die Blondine blasiert an.

„Ihr habt den Boss gehört, ihr kleinen Ratten. Los runter mit den faulen Ärschen. Wird´s bald Aurelia? Bei deinem Tempo kann ich mir ja zeitgleich die Schuhe neu besohlen lassen“, grunzte Smoker verbissen. Aurelia war jetzt total angefressen. Hätte sie die Kondition ihrer Mutter, so wäre das ein Leichtes für sie gewesen. Im Gegenteil, Aurelia war in der Fitness so schlecht, jedes der anwesenden Kinder zeigte bessere Resultate als sie. Körperertüchtigung war bei ihr noch nie von Belang gewesen.

„Ich werd´ dir deine verdammte Trägheit noch austreiben, Blondie. Du willst mir also weitererzählen, dass du nicht mal fünf Liegestützte auf den Handflächen zustande bringst?“

„Mir macht das keinen Spaß“, fauchte Aurelia den Mann an, der ihr derartig nahgekommen war, dass sie den Geruch seiner Zigarette riechen konnte.

„Ich glaub´ mein Rad humpelt. Blondie, wenn ich mit dir fertig bin, wirst du derer fünfzig auf den Fäusten hinbekommen! So lange, bis dir der Schweiß aus den Poren trieft. Hast du das verstanden?“

Aurelia hasste die Tatsache, dass sie diese schwere Form der Liegestützte nicht hinbekam. Auch deshalb nicht, da es furchtbar die Knochen belastete und sehr schmerzte. Zwar war sie als Zwölfjährige dazu kaum körperlich imstande, der Grund aber war, sie wollte einfach nicht den Pfad ihrer Mutter einschlagen und zur Auftragskillerin ausgebildet werden. Ihr Gesicht gab diesen Unmut genau wieder. „Warum muss ich den Scheißdreck machen? Warum, Mira?“

Bevor Smoker sich dazu hinreißen ließ, sie weiter abzuqualifizieren, schritt Mira dazwischen. Sie hatte Smoker am Oberarm gepackt und drängte ihn aus dem Kreis der Auszubildenden. „Ich erkläre es ihnen. Geh´ mal frische Luft tanken“, knurrte Mira Smoker an. Der schnaufte durch die Nasenlöcher, billigte Miras Befehl und übergab ihr das Kommando, während er sich jetzt zwei Schritte von ihr distanzierte. Die athletische Blondine richtete sich auf, spannte ihren Körper an, dabei pulsierten ihre Venen in den Muskeln der Oberarme.

„Kinder, hört mir zu. Euch vereint alle das gleiche Schicksal. Der tragische Verlust jener Menschen, die Ihr am meisten geliebt hat. Ihr könnt hier alle die Aspekte eines luxuriösen Lebens genießen. Dafür fordere ich nur eine Sache von Euch – Loyalität. Und die beginnt zuerst mit Disziplin und Gehorsam. Wenn also von euch verlangt wird, Liegestützte auszuführen, dann werdet Ihr den Befehl gefälligst ausführen, so lange, bis die Übung euch in Fleisch und Blut übergangen ist und keine Anstrengung mehr verursacht!“

„Verzeihung, Ms. Tristany – aber warum müssen wir das auf Fäusten machen? Ich verstehe den Sinn nicht“, meldete sich ein Jüngling mit hellblauen Augen. Mira schlenderte gelassen über den Asphalt aus Kalkstein. Ihr Blick traf kurz Smoker und den anderen Wächter. Dann drehte sie sich zu ihrer Nachhut um, stand mit hängenden Armen, wie bei einem Duell vor ihnen.

„Liegestützte kräftigen immens die Oberarme, sie bauen die Muskulatur auf. In dieser Variante verstärken sie die Fingerknöchel, damit ihr nur einmal zuschlagen müsst.“ Raubtierhaftes Grinsen umspielte ihren blutroten Mund.

„Seht her…“

Kaum ausgesprochen, führte Mira eine rasante Drehung ihres Oberkörpers aus. Sie sprang Smoker wie eine Wolfsspinne entgegen, erwischte ihn voll mit der geballten Faust, die er unmöglich kontern konnte. Die geballte Kraft riss den stämmigen Trainer von den Beinen, so hart, er überschlug sich einmal und blieb dann bäuchlings liegen. Neben einer handbreiten Blutspur, die bis zu seinem reglosen Schädel führte, glomm noch seine Zigarette. Die trat Mira ohne Anzeichen von Emotionen aus. Als sie den Wächter mit drohendem Blick erfasste, zogen sich dessen Lippen enger.

„Ab jetzt bist du der neue Trainer“, diktierte Mira. „Wenn du einen meiner Nachkommen auch schlägst, ergeht es dir wie diesem miesen Bastard!“

Der ehemalige Wächter und neue Trainer nickte. Dennoch ließ Mira ihm einen kleinen Freilauf. „Trotzdem lass‘ dir von den Kleinen nicht auf dem Kopf rumtanzen! Strenge geht auch ohne Schläge!“

„Ja…ja doch…“

„Ich kann dich nicht hören!“

„Zu Befehl, Boss!“, schrie er jetzt kernig. Mira nickte, wandte sich ab und verschwand aus dem Sichtradius der Kinder. Die hatten das krude Szenario mit gemischten Gefühlen beobachtet. Genauso wie Miras Gefangene, die noch das Geschehen auf der Leinwand verfolgten. Sandra schüttelte den Kopf.

„Meine Güte. Muss diese Brutalität vor den Augen von Kindern sein?“

„Das war genauso von Mira geplant“, gab Rebecca ihr die Antwort. „Wenn die Kinder sich an diesen Anblick erst gewöhnt haben, werden sie zu einem Werkzeug des Bösen, sie werden Killerinnen im Dienste Miras!“

mit freundlicher Genehmigung für die Autorenquelle Berlin vom Autoren